Freitag, 26. Juni 2015

das missverständnis



Wir treffen uns an der Bushaltestelle, hatte er zu mir gesagt. Ich war seinen Anweisungen gefolgt. Es war keine besonders schöne Bushaltestelle, aber sie war verlassen. Das zählte in diesem Moment. Okay, zuerst war sie nicht verlassen. Eine alte Frau tat das, was man für gewöhnlich an Bushaltestellen tut. Eine alte Frau also wartete auf den Bus. Und das war schon das eigentliche Problem. Denn solange die alte Frau, die sich immer mal wieder nach dem Bus umschaute, und  mich sonst argwöhnisch beobachtet, nicht von dem Bus aufgegriffen und somit aus der Bushaltestelle verschwunden war, blieb diese letzte Bushaltestelle vor der Speckgürtelstadt belegt. Er wird mich an dieser Bushaltestelle nicht treffen, solange die Bushaltestelle, die keine besonders schöne Bushaltestelle, aber eben eigentlich verlassen war, durch die Präsenz der alten Frau ziemlich das Gegenteil von verlassen war. Immer scheitert es an diesen Kleinigkeiten, dachte ich, und sah wie ich die alte Frau weiter beobachtete. Ich saß in der ihr gegenüberliegenden Bushaltestelle und wartete nun auch auf den Bus, der offensichtlich verspätet war, anders konnte ich mir das Verhalten der alten Frau, die manchmal auf ihre Uhr, manchmal in Richtung Bus und meist aber in Richtung gegenüberliegende Bushaltestelle blickte. Dort saß ich, und wusste, dass er, solange die Bushaltestelle, die voller Graffitis und Hinweisen, aber eigentlich keine schöne, sondern nur eine für gewöhnlich verlassene Bushaltestelle war, nicht verlassen war, auch nicht hier aufkreuzen würde. Auch nach 10 Minuten saß ich und die alte Frau stand. Sie schaute mich an, und mit aufsteigender Verzweiflung sah ich sie nun auch an. Sie blickte mich an und ich blickte sie an. Beide Bushaltestellen waren belegt. Meine Bushaltestelle war die Bushaltestelle ohne Graffitis, aber er wollte sich an der Bushaltestelle mit dem „Ultras Köpenick!“-Schriftzug treffen, hatte er mir gesagt und ich war, wie gesagt, seinen Anweisungen gefolgt. Aber obwohl es keine besonders schöne Bushaltestelle war, und auch keine Häuser in der Nähe waren, es sogar einen Fahrplan gab, der, so sagte mir meine Aufzeichnungen, vom Busfahrer jedoch aus mir unbekannten Gründen nicht eingehalten wurde, blieb es vor allen Dingen eine nicht verlassene Bushaltestelle. Aber, das hatte er mir gesagt, solange die Bushaltestelle nicht verlassen war, würde er hier nicht aufkreuzen. So sah ich die Frau an, die mir auf einmal nicht mehr so alt erschien, und die Frau blickte erst mich und dann die Leere an. Hin und wieder durchbrach ein Lastwagen unser nunmehr liebgewonnenes Ritual. Sogleich blickte ich auf den Boden, und als der Blick wieder frei war, sah ich, dass auch sie auf den Boden geblickt hatte. Wir spiegelten uns. Aber sie wartete an der richtigen Bushaltestelle auf einen Bus, dessen Nichterscheinen mir arge Probleme bereitete. Ich komme erst, wenn die Bushaltestelle verlassen ist, hatte er mir am Telefon gesagt, und wenig später den roten Knopf gedrückt. Ich kannte den Ort, ich kannte die Zeit, aber die Bushaltestelle war nicht bereit. Das bereitete mir jetzt, vielmehr noch als die Blicke der alten Frau, an die ich mich längst gewöhnt hatte und die ich lässig mit eigenen Blicken konterte, große Sorgen. Seine Informationen waren, so viel war mir klar, fundamental für den Fortlauf der Dinge. Er hatte die Dokumente, die mein nunmehr zwei Wände meines Wohnzimmers überspannende Zeichnung einen entscheidenden Schritt voranbringen würden. Aber die Bushaltestelle, an der wir uns hatten treffen wollen, blieb auch nach 20 Minuten nicht verlassen und die alte Frau, die eigentlich nur älter als ich, aber keineswegs alt war, blickte jetzt auch nicht mehr in meine Richtung, sondern nur noch in die Richtung des nicht erscheinenden Busses. Manchmal auch auf die Uhr. Das Zeitfenster schloss, und ich fuhr zurück in die Stadt. Die alte Frau blieb zurück, und blickte mir ein letztes Mal hinterher. In ihrer linken Hand hielt sie einen Hefter.  

Mittwoch, 17. Juni 2015

ich bin koi! - heistek trifft dembowski

Im Oderbruch: Ein Lama bereitet sich auf das Rennen vor.  [Photo: Omorp]

"Ich bin Koi!" 

Das große Ermittler Heute!-Sommerinterview

Von Genevieve Heistek



Hinter Liepe beginnt der vergessene Teil der westlichen Welt. Hinter Liepe stellt man die Roaming-Funktion seines Telefons besser aus. Hinter Liepe kommt nur noch die Oder.

Sah ich gerade noch die Rockergangs auf ihren sonntäglichen Ausflügen zum Schiffshebewerk Niederfinow, spazierte ich gerade noch mit einem Senf-Likör aus Zimmermanns Senfstübchen, sehe ich mich nun mit dem großen Nichts konfrontiert.

Hier nahe dem Ende des 19. Jahrhunderts erbauten Schöpfwerks, hier wo sich Feldlerche und Fasan Gute Nacht sagen, liegt die Lamafarm des Ermittlers Dembowski und der Oderbruchpsychologin Dörte und des Karpfen Kois, der, während ich langsam durch die Hofeinfahrt rolle, zu einem Begrüßungssprung ansetzt.

Über der Farm kreist ein Roter Milan.  Auf der langsam zerfallenden Veranda erblicke ich Dietfried Dembowski. Der Ermittler trägt seinen Trademark-Strohhut und schwarze Boxershorts. Sein Bart ist ungepflegt, seine Haare sind lang.  Americana-Drones wabern durch die Luft.

 „Alles“, sagt Dembowski und bemüht sich langsam von seinem Stuhl, „hängt mit allem zusammen.“

Deswegen bin ich hier. Darüber will ich mit dem großen Mahner reden.

Doch erst einmal führen Dembowski und Dörte mich über ihre Farm. Dort einige Lamas, hier ein paar Rinder, und immer wieder der See. „Das war früher nur ein kleiner Tümpel“, sagt die in Insiderkreisen als Expertin geschätzte Oderbruchpyschologin, „aber wir mussten ihn ausbauen. Die Eisdecke wurde für Koi zu einem Problem. Sie hat ihn erdrückt.“  

Dörte und Dembowski verwickeln mich in ein Gespräch über Uferschutzzonen, Grasfrösche, Kaulquappen und die Rückkehr der Biber. Wir sitzen auf einem Steg, der weit in den  4.32 Meter tiefen See hineinragt, und lassen unsere Beine im Wasser baumeln.  Es ist Sommer. Der Soldiner Kiez ist weit entfernt. Der Ermittler deutet noch einmal auf den Roten Milan. „Unsere Drohne“, sagt er und zückt ein Tablet. Wir beobachten uns jetzt von weit oben, inmitten dieser kargen, von den Seitenarmen zerschnittenen Landschaft. Wir sehen uns, wie wir uns beobachten. „Wir sind der unwichtige Teil dieser Welt“, bemerkt Dörte.

Mein Name ist Genevieve Heistek. Für Ermittler Heute! spreche ich mit dem ehemaligen Ermittler des Jahres. Man bittet mich nun endlich in die Stube. Ein Holztisch. Vier Stühle. Ein Kamin. Eine Hängematte. Ein Klavier. Ein Plattenspieler. Unter der Decke ein alter Ventilator. Ein Stück weiter: Ein schwerer Kronleuchter.  Kornblumen. Wohin man schaut. Auf dem Tisch, in großen, schweren Vasen auf den Dielen der Stube. Eine große Tür mit Blick auf die Koppeln. Zur Alten Oder fallen die Weiden hinter den Pappeln ein Stück ab.

Ermittler Heute: Dietfried Dembowski. Wir befinden uns in der Sommerpause. Im Winter ernannten wir Sie zum Ermittler des Jahres.  Was passierte dann?

Dietfried Dembowski: Ach, seien Sie doch still! Beeindruckend. Sie haben den Preis tatsächlich an Johann Ramoser überreicht? Arbeitet Frau Güllü noch für Sie? Lassen Sie mich eine Sache klarstellen. Ein guter Ermittler legt falsche Fährten. Ein guter Ermittler beschreibt den Ist-Zustand und zeigt Perspektiven auf. Das sehe ich bei Ramoser nicht. Der Bozener Polizeihauptkommissar ist eine Schande für unseren Berufsstand. Erinnern Sie sich? Der Unfall im Trainingslager, und das Cover-Up? „Natürlich kann man aus jeder Wiese raustreten, sonst muss man auf eine Rennstrecke gehen.“ Damit hatte er im Grunde genommen alles gesagt. „Sonst muss auf eine Rennstecke gehen“. Das will natürlich niemand. Die Bilder sind zu gewöhnlich, erst das Alpenpanorama macht es tollkühn. Ramoser arbeitete dem Kapital zu. Diese Tatsache allein rechtfertigt keinen Preis. Wissen Sie, wie ich das nenne? Ramosern! Und Garcia? Der, aber dazu kommen wir später sicher noch, hat mit den Behörden gemeinsame Sache gemacht. Ein absolutes No-Go!

Dörte: Er trank wieder. Er prügelte sich. Er verschwand. Sie haben versucht, ihn zu zerstören. Aber Dietfried war stärker. Sie können ihn angreifen, sie können ihn eine Ecke stellen, doch Sie werden dadurch keinesfalls den Lauf der Welt stoppen. Es ist Ihre Angst. Es ist nicht unsere Angst.

Im Dezember 2014 wurde Dembowski für seine Recherchen im Falle Marco Reus ausgezeichnet. Seine Ausführungen waren zum damaligen Zeitpunkt bemerkenswert, und von einer großen Vision getrieben. Reus, hatte der Ermittler erklärt, würde dem Angebot der Bayern nicht erliegen, sondern sich vielmehr für den Sprung in die MLS entscheiden. Wenige Wochen später stellten sich seine Behauptungen weiterhin als bemerkenswert, jetzt jedoch bemerkenswert falsch heraus. Reus verlängerte seinen Vertrag bei der strauchelnden Borussia aus Dortmund. Dembowskis Ermittlungen waren von vornherein in eine falsche Richtung gelaufen. Aber er hatte einen Punkt. Ich baue ihm eine Brücke.

EH: Sie sind über Marco Reus gestolpert. Was nach einem Coup aussah, erwies sich als veritabler Flop. Wie aber kamen Sie auf diese Idee?

DD: Ich wollte einen Trend aufzeigen. Ich wollte diesen Trend überspitzen.

EH: Trend?

DD: Ach, hören Sie doch auf. Sie wissen genau, wovon hier die Rede ist. Im Fußball geht es längst nicht mehr um die 90 Minuten auf den Platz. In den oberen Ligen, bei den Stars der Liga greift das nicht mehr. Das Spiel ist zur lästigen Pflicht geworden. Es ist die Maschine, die den Geldfluss befeuert. Das Ende jedoch ist noch lange nicht erreicht. Die Vereine zieht es nach China, nach Malaysia, nach Japan. Die Vereine, ich will sie fortan Wirtschaftsunternehmen nennen, zieht es in die Vereinigten Staaten. Nur eben die einzelnen Spieler im besten Fußballeralter noch nicht. Aber das ist nur eine Frage der Zeit. Darauf wollte ich hinweisen. Dann bricht alles zusammen.

EH: Was ist der Antrieb der Vereine?

DD: Neue Geldquellen anzapfen, neue Kunden generieren. Die Erzählung wird vorangetrieben, gleichzeitig auf einen Hashtag, auf ein kurzes Video, einen aussagekräftigen Moment hinuntergebrochen. Klopp triff auf Kagawa. In zwei Sprachen. Auf Facebook, Twitter, Weibo, Periscope, der Moment als Vine in Endlos-Schleife. Der Jugendspieler als Option auf die Zukunft. Er kommt nicht mehr aus der Region, sondern nach ihm wird weltweit gefahndet. Im Idealfall findet man ihn bei einem US-Verein. Der große Traum. Der Spieler, who came through the ranks ft he youth academy und jetzt US-Nationalspieler wird. Der zur Ikone des Spiels wird. Mehr geht nicht. Das ging bei Julian Green noch in die Hose, der Dortmunder Junior Flores ist in der Versenkung verschwunden, aber merken Sie sich einfach den Namen Christian Pulisic.

Dazu kommt, dass die Medienabteilungen der Wirtschaftsunternehmen größer sind als der Kader der Profimannschaften. Die Webseiten müssen auf mindestens vier Sprachen verfügbar sein. Fußball verbindet, jedoch nicht mehr national, sondern weltweit. Schweinsteiger und Philipp Lahm halten Reden auf Mandarin. Xabi Alonso kann jetzt Deutsch. Wir sind immer dran. Egal, wer wir sind. Egal, wo wir sind. Wir müssen nur davon erfahren. Wir müssen uns mit der Erzählung gemein machen. Hier der am Boden liegende Traditionsverein, dort der aufstrebende Emporkömmling, der strauchelnde Kultklub, da der bewegungsunfähige Tanker und natürlich der große Repräsentant deutscher Kultur. Lederhosen und MiaSanMia. Das ist der letzte Grund für den Erfolg auf dem Platz.

Diese Nähe zum Verein, diese falsche Nähe, diese vorgegaukelte Nähe, diese Ubiquität von Informationen zieht sich durch alle Bereiche des Spiels. Es ist entzaubert. Jetzt beginnt die letzte Phase der Kapitalisierung.  Wussten Sie, dass die deutsche Fußball-Nationalmannschaft nun Die Mannschaft heißt? Das ist doch absurd. Aber es ist auch konsequent. Die Auslandsvermarktung funktioniert nicht mit sperrigen Wörtern. Auch hier: Reduktion als Zauberwort.

EH: Image steht über sportlichem Erfolge und der sportliche Erfolg dient ausschließlich der Gewinnmaximierung?

DD:  Ja. Wobei es ist in Deutschland ohnehin fragwürdig ist, überhaupt von sportlichem Erfolg zu reden? Was ist das? Ein zweiter Platz hinter Bayern? Die Qualifikation für die Champions League? Der Nichtabstieg in letzter Sekunde? Ein glücklicher Pokalsieg?

EH: Das kann ich Ihnen nicht sagen.  

DD: Dann lassen Sie mich das beantworten! Alles, womit die Unternehmen Geld verdienen können. Alles, was den Sponsor in einem günstigen Licht erscheinen lässt, alles, durch das….

Dörte: Manchmal frage ich mich, warum sich Dietfried überhaupt noch für Fußball interessiert. Er ist in diesen Momenten immer so verbittert.

DD: Lass mich. Wir sollten über das Sommerfest reden.

Am morgigen Tag steht auf der Lamafarm das alljährliche Sommerfest an. Die Planungen laufen auf Hochtouren. Während wir uns unterhalten schauen immer mal wieder Lieferanten hinein. Sie liefern Biere, Wein, Softdrinks. Sie liefern Fleisch. „Das Gemüse, das Obst“, sagt Dörte, „das beziehen wir von hier. Das bauen wir an. Da leben wir autark.“

Zum dritten Sommerfest haben sich illustre Gäste angekündigt. Neben den wenigen Bekanntschaften aus dem Oderbruch, neben den liebgewonnen Besuchern der Lamafarm hat sich auch die Soldiner Kiez-Gang angekündigt. Kneipier Hauke Schill, Fußballvermesser Justin Hagenberg-Scholz samt Gattin Berenice, Spielerberater Ridley Ferundula, der sich bereits vor einigen Wochen mit dem Hausboot auf den Weg in Richtung polnische Grenze gemacht hat. Aus dem fernen Liechtenstein wird Demobwskis verstorben geglaubter Rivale, der Boulevardreporter Jens Reiser erwartet. „Vielleicht bringt er den ortsansässigen Berater mit“, verrät uns Dembowski. Die alte Dortmunder Seilschaft um Redermann hingegen hat keine Einladung erhalten, die lange, beschwerliche Reise aus dem Ruhrgebiet wird nur vom Trainer angetreten. Dem Titelverteidiger im Lamarennen. Es ist der traditionelle  Höhepunkt des Sommerfests.

Der Trainer, sagt der Ermittler und winkt ab, sei unschlagbar. Schon immer gewesen. Dörte grinst. „In diesem Jahr nicht“, merkt sie an. „Er wird ein Alpaka reiten. Ich ein Lama. Den Unterschied wird er nicht bemerken.“ Dembowski lacht. Zum ersten Mal seit meiner Ankunft auf der Lamafarm. „Gnhihi. Der kennt die Panini-Bilder der letzten 40 Jahre auswendig, doch daran scheitert er.“

EH: Sie legen viel Wert auf eine akribische Planung ihres Sommerfests. Alte Wegbegleiter besuchen Sie, kehren mit großer Freude an diesen vergessenen Ort zurück. Was ist Ihr Geheimnis?

Dörte: Die vollkommene Abgeschiedenheit der Farm, die damit einhergehende Weltfremdheit, die Besinnung auf das Ursprüngliche. Der Stamm, die vier Elemente. Der Mangel an Kommunikationsmöglichkeiten. Wir haben hier für unsere Gäste nur eine Festnetzleitung.  Das Internet stellen wir ab. Für die Dauer des Sommerfests gibt es nur diesen einen Ort auf der Welt. Und unsere Gitarren. Kurzum: Es ist ein Sehnsuchtsort.

DD: Sobald ich die Gäste zu Koi geführt habe, verändert sich ihre Wahrnehmung. Sie können auf einmal wieder unterscheiden. Sie können auf einmal wieder klar und strukturiert denken.  

Um den Ermittler auf die Schliche zu kommen, muss man sein Verhältnis zu Koi verstehen. Der einsame Karpfen spielt in Dembowskis Leben eine große Rolle. Während unseres Gesprächs bezeichnet er ihn wiederholt als „meinen Weggefährten“, „meinen Bruder im Geiste“. Eine durchaus ungewöhnliche Einschätzung. Ist von Koi die Rede, wendet sich Dörte ab. Sie sei, so sagt sie, beim Ausbau des Sees federführend gewesen. „Das war Dembowskis großer Traum. Ich habe meine Lamas, er seinen Karpfen. Die Ballade von Dietfried und Koi. Es ist eine traurige Ballade. Aber es ist auch eine große Erzählung“ erklärt die Oderbruchpsychologin.

EH: Was fasziniert Sie an Koi?

DD: Ein Ermittler ist wie ein Karpfen. Koi gründelt den Seegrund auf, er siebt den Boden nach Nahrung, doch der große Rest fällt zurück an seinen Platz, wird nur für einen Moment erschüttert. Mehr kann ich als Ermittler auch nicht leisten. Eine Erschütterung, ein kurzes Aufwirbeln. Mehr ist da nicht.

Das Fußballjahr 2014/2015 war eine Ernüchterung. Man merkt es Dembowski an. Der freie Fall des BVBs, die vorzeitige Entscheidung im Meisterschaftsrennen, der Aufschwung VfL Wolfsburgs, die Bedrohung Red Bull, und, natürlich, die alles überlagernden Skandale im Hauptquartier des Weltfußballverbands. Nur Schalke 04 und der Hamburger SV lieferten ab.

EH: Herr Dembowski, was ist Ihr Fazit der vergangenen Saison?

DD: Fazit Nummer 1: Der BVB ist ein normaler Verein geworden. Er zerrte von seinem Gründungsmythos, von seinen Hashtags, von seinen Fans, von seinem Trainer. Fazit Nummer 2: Was ein Event! Welch Spannung! Fazit Nummer 3: Wir können alles berechnen. Wir können alles erklären! Fazit Nummer 4: Nie waren wir machtloser.

EH: Lassen Sie uns das einmal Punkt für Punkt durchgehen.

Mittlerweile hat Dörte die Stube verlassen. Sie ertrage das alles nicht mehr, sagt sie. „Fußball, Fußball, Fußball. Gibt es nur das?“ schimpft sie.

DD: Sie ist ein wenig dünnhäutig. Zugegeben. Gleichwohl versteht sie den Ansatz. „Lama, Lama, Lama!“ Ich kann das auch nicht mehr hören. Aber das ist ihre Welt. Jeder braucht eine Welt. Niemand kann die Brutalität der Realität ertragen. Wir suchen uns eine Ersatzrealität, und machen sie dann zu unserer eigenen Realität. Wir sehen die Nachrichten, und werden erschlagen von den Krisen. Wir sehen die Nachrichten, und wenden uns ab. Wir hören von Kriegen, Krisen und Korruption, und auch wenn Krisen und Korruption auch in unserer Scheinrealität existieren, so dienen sie letztendlich nur unserer  Unterhaltung. Manchmal verschwimmen die Realitäten, manchmal können wir nicht mehr differenzieren. Was ist wichtig, und was ist unwichtig? Was wird bleiben, und was wird vergehen? Brot und Spiele. Das ist unsere Welt. Und bei mir geht es um Spiele. Die Sache mit dem Brot bekommen wir nicht wieder hin. Dafür ist die Welt zu komplex. Und sonst gibt es dafür das Zentrum für politische Schönheit.

EH: Danke für Ihre Ausführungen! Ich spare mir meine Erwiderungen. Dass Sie die Augen verschlissen, ist allenthalben bekannt. Das müssen wir nicht weiter besprechen. Wenn für Sie das Schicksal wirklicher Menschen nicht von Bedeutung ist, wenn Sie sich nicht, und zwar immer nur im Rahmen Ihrer Möglichkeiten, für Ihre Mitmenschen einsetzen, wenn Sie alles einfach nur so …

DD: Einspruch!

EH: Abgewiesen….Wenn Sie alles einfach nur so hinnehmen, dann ist das so. Dann ist das tragisch. Ihre Ausflüchte haben Humor, doch sind sie jenseits von Gut und Böse. Vielleicht ist das sogar eine Stärke. Ihr Schuldeingeständnis zeigt zumindest, dass Sie das Böse nicht auf andere Personen abladen wollen, und dass Sie sich selbst nicht als das Gute sehen. Kommen wir aber nun zurück zu Ihren Punkten. Punkt 1 war die Dortmunder Rückkehr zur Normalität. 

DD: Exakt. In dieser Saison wurde die echte Liebe enttarnt. Ein Blick auf die Tabelle genügt. Ein Blick auf das Ende der Klopp-Jahre genügt. Das ist natürlich das maßgebliche Beispiel.

EH: Der Fußballphilosoph Eilenberger hatte das Ende herbeigesehnt. Und traf dabei auf großen Widerstand.

DD: Genau genommen kam Eilenberger doch zu spät. Was Klopp wirklich auf dem Trainerstuhl gehalten hat, war die Klausel in der Champions League-Ausfallversicherung. Das ist ja komplett untergegangen. Dem BVB wären dadurch Millionen durch die Lappen gegangen. Die Champions League war bereits nach dem Köln-Spiel im Oktober nicht mehr zu erreichen, der Abstieg hingegen nie eine Option. Da hat man die Saison eben mit Klopp beendet. Das hatte aber nichts mit der vom Philosophen beschriebenen Wagenburg zu tun. Das hatte rein finanzielle Gründe. Das ist jetzt nur ein Beispiel für das Verschwinden der Romantik. Es gibt ja noch hundert Beispiele mehr.

EH: Punkt 2 waren die Hashtags und die Events.

DD: In aller gebotenen Kürze: Wenn sogar die Abfahrt eines Mannschaftsbus live über die Stationen gejagt wird, dann ist irgendwo etwas falsch gelaufen. Schon lange. Dann halten wir das nicht mehr auf. Verstehen Sie mich nicht falsch. Nicht jeder denkt in Hashtags, nicht jeder denkt an die Vermarktbarkeit. Aber dort ist das Geld. Da kommen wir immer mehr hin. Das ist bedenklich. Und da muss man gegensteuern. Da muss man vermitteln, was ein Stadionbesuch bedeutet. Das muss man weitergeben. Aber ein Besuch wird immer teurer. Und Fußball ist kein Fernsehsport. Auch wenn Experten wie Hagenberg-Scholz das anders sehen.

Der Ermittler eilt jetzt durch die Antwort. Er wird spürbar lustloser. Seine Gedanken kreisen immer wieder um das große Sommerfest auf der Lamafarm. Er schaut mich an. „Diese Alpaka-Nummer. Da geht mir das Herz auf.  Wir laden die Städter ein, und nutzen ihre Ahnungslosigkeit aus. Dörte ist schon ne Nummer“, sagt er. Dörte, und Koi, mehr braucht Dembowski nicht, hat man das Gefühl. Der Rest ist ein Zeitvertreib, ein notwendiges Übel. Doch er lässt sich nicht darauf festnageln, er weicht den Fallen aus. „Ich kann Ihnen nicht sagen, wieso wir hier sind“, philosophiert er, und man möchte ihm raten, sich doch lieber weiter mit seinen Ermittlungen zu beschäftigen, sich weiter seinen Trinkgelagen hinzugeben. Er sagt, das wird mir zunehmend klarer, wenig. Nicht, weil er nichts zu sagen hat, sondern weil er sich schützen will. Weil, so drückt er es einmal aus, er „zu viel Dunkelheit gesehen hat.“

EH: Lassen Sie uns das jetzt schnell beenden. Punkt 3: Alles kann berechnet werden.

DD: Das liegt auf der Hand. Es gibt für alles eine Erklärung. Hinsight is a bitch. Nach den Partien skizzieren die Experten die spielentscheidenden Situationen, nehmen die Taktik auseinander, erklären uns anhand von Statistiken die vergangenen 90 Minuten. Wir kennen die Laufwege, die Passquoten und die Erfolgsquoten nach Standardsituation, wir haben die Heat Maps vor uns, und wir sehen den entscheidenden Zweikampf in Endlosschleife und sezieren jede Entscheidung des Schiedsrichters. Wir haben uns von der individuellen Klasse der Spieler verabschiedet, und berauschen uns an den Avataren, deren Bewegungsläufe wir vorher bereits detailgetreu auf unseren Konsolen studiert haben. Aber wissen Sie, was mich wirklich besorgt?

EH: Nein!

DD: Dass all diese Dinge natürlich von größter Relevanz sind. Die Datenbanken werden komplexer, und bei manchen Unternehmen auch genauer. Geld kauft Wissen, Geld kauft Spieler und das Wissen um den passenden Spieler bringt den Erfolg. Das will ich nicht abstreiten. Der Erfolg jedoch, das erwähnte ich vorhin bereits, dient ausschließlich der Gewinnmaximierung. Die Vermessung des Spiels verändert die Voraussetzungen. Fußball ist kein Player’s Game mehr. Denken Sie sich einfach Messi und Ronaldo weg. Was bleibt dann? Die Vermessung des Fußballs kann natürlich zur Chancengleichheit beitragen, sie kann für kleine Unternehmen ein Schlüssel sein, aber sie wird, hat sie sich einmal flächendeckend durchgesetzt, wieder mit Kapital entschieden. Und dieses Kapital kommt immer häufiger von immer weniger Großkonzernen. Alles hängt mit allem zusammen.

EH: Das dürfte dann der vierte und letzte Punkt sein?

DD: Sie haben aufgepasst, Frau Heistek! Respekt. FIFA, UEFA, ECA, DFB, DFL. Hüten Sie sich vor Akronymen! Dazu kommen Gazprom, Katar, Volkswagen, Adidas, Puma, Nike, Red Bull. Wem nützt es? Blatter, Niersbach, Rummenigge, Platini, Beckenbauer, Rauball, Zwanziger, Garcia, Bierhoff und ihre Schattenmänner. Natürlich ist man da machtlos. Natürlich kann man diese Strukturen nicht verändern, maximal drauf hinweisen. Das ist schade. Mit der Bedeutung stieg die Abhängigkeit. Was kann zerschlagen werden? Und was ändert es. Das Lama reitet immer weiter. Nur der Jockey wechselt. Hoffentlich merkt der Trainer nichts. Gnihihi.

EH: Herr Dembowski, ich danken Ihnen für dieses Gespräch.


Das Sommerfest am nächsten Tag ist ein voller Erfolg. Trotz deutlicher Defizite kann Dörte im abschließenden Lamarennen den entgeisterten Trainer um eine Kopflänge schlagen. Nur für Justin Hagenberg-Scholz endet der Abend mit einer Enttäuschung. Er findet keinen Weg, ein Lamarennen zu vermessen. Im Oderbruch gibt es kein Internet.  Zumindest nicht heute. 

Samstag, 23. Mai 2015

sonnenuntergang, humboldthain

Take me out tonight / Where there's music and there's people / And they're young and alive




Von hier konnten sie den Norden sehen. Es war ihre Himmelsrichtung. Kein Licht. Keine Bewegung. Nur kühle Dunkelheit.

Wanderten ihre Augen ein wenig in Richtung Westen sahen sie den Tower des Flughafen Tegels, und die Siemensstadt mit ihren letzten Werken, direkt vor ihnen lag die zweigeteilte Silhouette des Märkischen Viertels, und noch ein wenig weiter in Richtung Osten und noch weiter im Norden erhoben sich die Arkenberge.

Unter ihnen lag der schiffsförmige Bau des Gesundbrunnencenters (Werbung: Gesundbrunnencenter, mehr als ein Center!), an dessen weißen Mauern sich die Abendsonne spiegelte. Und im Herzen ihres Blicks lag die Stephanskirche, Prinzenallee, Ecke Soldiner Straße.

Langsam glitt ein Airbus A321 aus Richtung Hohenschönhausen kommend durch ihre Sicht. Umso größer die Maschinen waren, umso weniger bewegten sie sich in der Luft.

Die Flugzeuge lagen still über den Dächern der Bezirke und verschoben sich minutenlang immer weiter in den Westen, bis sie von den blinkenden Lichtern der Landebahn am Flughafen Tegel geschluckt wurden. Dahinter die Sonne, ein roter Ball, den jemand hinter die Erdkrümmung fallen ließ.

„Das war es! Verdammt, Olic, Du Fußballgott. Nur der HSV!“ sagte Schill, drehte sich um, und rannte die Treppen runter.

Ferundula und Dembowski blieben noch einen Moment. Auf der anderen Plattform sahen sie einige Touristen. 

„Studenten. Sie sind der Anfang. Wir sind das Ende.“

Auch Dembowski ging nun, aber nur wenig Schritte. Dann stürmte Ridley an ihm vorbei. 

„Der Flieger aus Madrid, verdammte Scheiße! Ich muss los."

Ein paar Tage vorher stand der Ermittler auf einem seiner Streifzüge durch den Kiez an der Ecke Prinzenallee, Badstraße. Die U-Bahn spuckte Pendler aus, die langsam an die Oberfläche krochen und im Schein der Neonlichter ihren Weg gingen. In der letzten Zeit hatten sich einige neue Gesichter unter die Bevölkerung gemischt.

Nicht nur die Afrikaner, nicht nur die Türken, nicht nur die Araber, nicht nur die Deutschen waren nun hier, sondern auch die Rollkoffertouristen, die sich auf die kurze Reise aus Kreuzkölln machten, um das echte Berlin zu erleben. Sie alle waren in Eile. Dembowski saß auf der Mittelinse. Sah den M27er. Sah die abbiegenden Lieferwagen. Sah die Leute im Yahala gebeugt über ihren Hähnchenbergen sitzen. Es war Dembowskis Lieblingsort. Dies war sein Tempo, dies war sein Läum und um ihn herum waren seine Leute.

„Dembo!“

Eine Hand legte sich auf seine Schulter. Dembowski zuckte.

„Schau nicht auf mich!“

Dembowski zuckte erneut. Er sah auf das Wandgemälde vor ihm. Jetzt war alles klar. Die Stimme war schleppend, ein wenig träge.

„Alter, Jerome! Was machst Du denn hier?“

„Boaclan! All our kindness was taken for weakness! Aber wir schlagen zurück. Der Prince ist auch da. Komm mit!“ Jerome rückte sich seine Brille zurecht.

„Die ist so scheiße.“

„Lass mich, Dembo. Ich bin Profi. Komm, wir müssen los.“

Auf dem Weg erzählte Jerome von den Ausrutschern im Pokal, von seinem Trainer, und wie wenig er überhaupt verstand, von dem, was der erzählte. „Manchmal geht es. Manchmal nicht. Die Stimmung ist mies.“

Sie waren jetzt an der Bibliothek. Der Prince wartete.

„Ermittler! Hast Du das mitbekommen? Suspendiert. Was ein Fake! Ich wollte abhauen. Jetzt das. George hat mir von diesem Agenten erzählt. Ich muss  mit ihm reden. Ich will zurück. Hertha, das ist es. Mailand, New York. Das bringt alles nichts. Ich bin müde von all dem Hass. Ich brauch ne Family. Hast meinen Frisörladen gesehen? Undercut! Kein Fake. Für die Familie.“


Die Wurzeln sind fest auf der Straße, die Krone reicht hinein in die höchste Etage

Dembowski zog eine Visitenkarte aus der Tasche. „Hier! Ruf halt an. Der wohnt auf nem Hausboot. Nen ganz kleines Licht!“

„Cool. Danke. Wir müssen.“

Aus der Ferne klangen die Beats. George war im Affenkäfig.

„Du kriegst mich nicht hier raus, ich bin hier zuhaus! Gewachsen auf Beton. Guck die Wurzeln sind fest auf der Straße, die Krone reicht hinein in die höchste Etage. Gewachsen auf Beton!“
Boaclan, Dembowski verstand.

„Ey, Jerome! Wasn eigentlich mit Dir? Auch Hertha?“

Aber sie hörten ihn nicht mehr.

Freitag, am Vorabend der Entscheidung. Die Vorhänge des Soldiner Ecks glänzten im letzten Kneipenlicht. Sie waren mit einer fein säuberlichen Nikotinschicht überzogen.



Dembowski stand an der Jukebox. Back to black.

„We only said goodbye with words. I died a hundred times. You go back to her, and I go back to black.“

Alle waren sie da.

„Klub der 27er. Kenn ich!“ schrie Marko.

Hagenberg-Scholz analysierte, Ferundula telefonierte, am Tresen saß Marko, drehte noch eine Zigarette, bestellte noch ein Schultheiss. Niemand sprach. Es war der letzte Tag.  Vor der Veränderung. Das wussten sie. 

„Ein Punkt, den werden wir schon holen! Den werden wir uns schon holen. Wirklich. Dardai macht das.“

„Alter, Marko! Hör auf zu heulen. Was soll Schill denn denken?“

Der Wirt schwieg. Suchte Justin, doch der Analyst war weiter in seine Daten vertieft. Der Fußball war  lange noch nicht vermessen.

Über den Bildschirm flackerten die Nachrichten. Der IS machte wieder Boden gut, der Bundestag besprach Gesetze mit wohlklingenden Namen, und, da sie unter Freunden waren, verschwiegen sie weiterhin das, was verschwiegen werden musste. Polizisten prügelten. Im Land brannten weiter Flüchtlingsheime. Einzelfälle. Blatter hat keine Gegner mehr. Die Lokführer hatten ihren Streik beendet.  

„Ich ertrag das nicht mehr. Wohin Du schaust Weltuntergang. Schlechte Gedanken, negative Gedanken. Das ist alles, was sie von uns wollen. Sie halten uns unzufrieden, damit wir kaufen. Sie machen uns Angst, damit wir uns absichern. Sie hetzen uns gegeneinander auf, damit wir nicht denken!“ Schill war wütend.

„Ey, wusstest Ihr, dass es im Osten keine Hunde gab?“

Marko, ein Alt-Rocker, dessen schüttere, graue Haare nicht mehr auf seine Vergangenheit hinwiesen, war seit einiger Zeit Teil der Soldiner Crew. Er war eines Tages einfach bei Schill reingestolpert, und saß seitdem am Tresen rum.

Erst schwieg er.

Dann, nach einigen Bieren, öffnete sich seine Welt.

Dann sprach er.

Immer.

Er war Berliner. Echter Berliner. „Aus Charlottenburg! Aber das ist der Wedding! Hier sind die Rocker!“ wie er bei seinem ersten Besuch angedeutet hatte.

Es war nicht ganz klar, ob Marko wirklich wusste, wo er war.

Aber er war da, und mit ihm seine Geschichten von der Route 66, vom Mauerfall, und langen Nächten vor 3 SAT. 

„Ich habe sie alle aufgenommen. Alle. Alles auf VHS! 214 Kassetten. Jetzt reißen mir die Leute, die aus den Händen. 500€ für ein Lady Gaga-Konzert. Frühe 90er. Vor 30 Jahren.“

Vorschuss gefällig? Ferundula war nicht mehr nur auf sein Hausboot angewiesen.

Die Geschichten unterhielten Schill, der nervös hinter der Bar saß, mal dies und mal das säuberte. Dembowski drückte Stairway To Heaven rein. Er wusste, dass es keinen langen Weg mehr geben würde, es keine Möglichkeit gab, die Straßen zu wechseln. Sie steuerten direkt auf den letzten Spieltag zu. Alles würde enden.

„No time to change the road your on“, sang er und gesellte sich zu Ferundula, der sein Gespräch beendet hatte.

„Was is los? Deals am Start, Ferundula?“

“Das war der Prince! Hertha! Ich? Ich! Der hat vor ein paar Tagen angerufen. Jetzt: Jeden Tag. Der Typ ist kein Fake! Der will das.”

Der Agent strahlte. Die Geschäfte liefen passabel.

„Wasn das fürne Idee? Wie soll das gehen? Hertha? Der Prince? Du?“

„Hertha, dit wärs. Alle kommen sie zurück. Erst der Prince, dann der Jerome. Die Alte von dem ist komplett durchgeknallt. Die haben hier gedreht gehabt. Diese Woche. Affenkäfig. Boaclan. Danach hat Jerome Lewandowski umgehauen. Erstmal aber einen Punkt in Hoffenheim. Das schaffen wir.“

„All our kindness was taken for weakness!” sagte Dembowski.

„Sach ma, Ferundula, ist das draußen eigentlich Deine Karre?”

„Vorschuss für den Hertha-Deal! Wenn ich nur den Preetz….“

 Dembowski aber hörte ihm nicht mehr zu. Seine Gedanken kreisten um die Klopp-Jahre, um die Kehl-Jahre. Das Ende, das für Klopp mit einem schallenden Lachen begonnen hatte, war nicht mehr nur absehbar, es war gekommen. Nie wieder Vollgas, nie wieder schauen, was dabei rauskommt. Dembowski hatte es gewusst. Bei der Kagawa-Verpflichtung.

Nix würde gut werden. Sie hatte es ihm nicht geglaubt, nicht glauben wollen. Aber es war so gekommen, weil es nicht anders kommen konnte. Der BVB war an seine Grenzen gestoßen. Er hatte sich im Kampf mit unbezwingbaren Gegner aufgerieben, schon in dem Moment, in dem sie den Kampf angenommen hatten. Sie wollten den Dortmunder Weg gehen, und hatten ihn ja tatsächlich bis zu Ende beschritten. Der Weg, das hatten sie und vielleicht auch eine Versicherung so gewollt, ging weiter. Bis in den April. Alles war vorbei.  Aber Dembowski würde stark bleiben. Einmal Vollgas, einmal Borsigplatz, und dann Tucheltime!

 Dembowski nicht allein. Die Vermessung des Fußballs, klar, die hatte Priorität, doch jetzt drehte sich bei Hagenberg-Scholz alles nur um den letzten Spieltag, um die letzte Möglichkeit zur Datenerhebung vorm nahenden Ende der Saison. Er würde mit zwei Sky Go-Accounts auflaufen. Anders würde es nicht gehen. Nicht hier.

Etliche Entscheidungen waren bereits gefallen, jetzt ging es nur noch um den Kellerkampf, und natürlich um den großen Abschied für Klopp, für Kehl. Den Einzug in die Europa League. Schill hatte sich zu Justin gesetzt. Am Tresen besprachen Dembowski und Ferundula den Hertha-Deal, Marko trank.

„Schill, ich muss Dir mal was zeigen. Es wird Dir nicht gefallen.“

Nach einigem Wischen hatte Hagenberg-Scholz die Grafik gefunden, Schill beugte sich über ihn.

 „Der HSV wird ohne Van der Vaart deutlich schlechter aufspielen, schließlich hat sein möglicher Ersatz Diaz einen wesentlich geringeren GoalImpact, Schill.“

Schill sah ihn kopfschüttelnd an. Seine Augenbrauen zuckten.

Justin war in Gefahr. Das spürte er. Hauke würde ihn attackieren. Nur eine Frage der Zeit.

„Don’t shoot the messenger, Hauke! Just don’t!“

Schill schwieg. Hagenberg-Scholzs Stuhl wackelte bedenklich. „Nicht schon wieder der Tretimpact!“ dachte Justin.

 „Schill, halt die Ohren steif, der Diaz oder du, einer wird abkippen. Nicht ich!“

Schill schwieg lange. 

„Gekonnt aus der Affäre gezogen, Hagenberg-Scholz.“

Er ging zurück an die Bar. Justin atmete auf. Jetzt war er sich sicher. Dembowski war die Ruhe selbst. Vor so einem Finale.

„Da sitzt er, dieser widerliche Fußballromantiker. Jetzt steht er. Sich seiner Sache sicher. Er wird es noch zu spüren bekommen. Er wird sein Fett noch wegbekommen“, dachte Justin, und war sich bald schon nicht mehr sicher, ob er nicht doch geredet hatte. Er blickte zum Ermittler. Aber der war weiter in sein Gespräch vertieft.

Für Hagenberg-Scholz war klar, dass BVB morgen straucheln würden. Weiche Faktoren wie die lähmenden Verabschiedungen von Klopp und Kehl, für die er sich nur in Ausnahmefällen überhaupt interessierte, denn sie hatten, das war sein fester Glaube, auf die Berechnung des Fußballs keinen Einfluss, wurden durch eine erschreckende Datenlage zu einer großen Gefahr für den BVB.
Nicht nur die Rückkehr von Weidenfeller sprach gegen einen Dortmunder Sieg, aber sie war, das dachte Hagenberg-Scholz, sicher ein Hauptgrund für das anstehende Scheitern.

„Ein Foul in Strafraumnähe, ein Freistoß von Junozovic, der bekanntlich 8 von 10 Freistößen verwertet und alles wird wie ein Kartenhaus zusammenbrechen“, dachte er.

Eine Niederlage, und die letzte Ausfahrt Pokalfinale würde zugleich zu einem Schicksalspiels für den Verein. Aber wie sollte in Berlin ein Sieg gegen statistisch übermächtige, zudem durchaus sympathische Wolfsburg gelingen?

„Wasn los, Justin?“

Hagenberg-Scholz hatte Dembowski nicht bemerkt. Er biss sich auf die Lippen. „Bloß nichts sagen, bloß nichts sagen“, dachte er. Er beließ Dembowski in seinem Glauben.

„Das wird schon, Dembo!“

„So sieht es aus. Fische putzen! Europa erobern. Tucheltime!“

Aber die Datenlage, das wusste Hagenberg-Scholz, sprach gegen die Borussia, sprach gegen Feldzüge. Alles war vorbei. Er sah es in seinen Tabellen. „Schill, bringste mir noch ein Chai-Latte?“
Ein Fehler!
Mit vier Mann stürmten Schill, Ferundula, Marko und der Ermittler auf ihn los. Es war zu spät. Tretimpact 201. Bisheriger Höchstwert.

„Diese Idioten!“ schrie Hagenberg-Scholz, und rannte um sein Leben. „Ihr werdet schon sehen! Das werde ich twittern! Shitstorm! 12.439 Follower!“

„Wasn dieses Twitter? Der arme Kerl. Kann nicht ma richtig saufen. Macht ihr das immer?“

„Marko. Twitter ist das neue Petzen. Und Hagenberg-Scholz will es so. Frag ihn das nächste Mal nach Hertha. Dann hast Du den ersten Tritt. Und den Shitstorm. Der hat erst diese Woche Barbara Eggert von der Westfalenpost abgeschossen. Starke Leistung. Ein echter Radfahrer!“

Langsam klang der Abend aus. Marko erzählte, und war bald allein. Der große Tag der Entscheidung. Der härteste Abstiegskampf aller Zeiten. Die Abschiede von Klopp, von Kehl; auch von Hamburg?
Auf den Stufen zu seiner Wohnung brach Dembowski zusammen. Koi, Koi, Koi. Er hatte ihn vergessen. Ging es ihm gut? Dörte, genervt, sagte ja. Es war spät. Die Arbeit auf der Lamafarm war kein Vergnügen. Sie legte wieder auf.

Spieltag. Endlich.

Das Soldiner Eck füllte sich. Schill begrüßte seine Gäste per Handschlag. Er trug seinen alten HSV Joe-Bademantel.  

„Wieso nur, Schill, wieso nur?“

„Joe hat uns Olic gebracht. Deswegen.“

"Hoffentlich steigt ihr ab. Unerträglich!"

Hagenberg-Scholz saß bei seinem Equipment. Ferundula und Marko an der Bar. Aber Dembowski setzte sich zu Justin. Heute waren sie alle Dortmunder. Die sieben Jahre Klopp, die 13 Jahre Kehl. Die Meisterschaften, der Fußball, der wilde Ritt, die Verluste, der Kampf, der letzte Tabellenplatz.
Im Dezember 2014, im Moment des freien Falls, hatte Klopp gesprochen. Abseits der großen Öffentlichkeit. Eher für sich.

„Krisen gehören im Fußball dazu, um den Erfolg wertzuschätzen. Wer auf die Geschichte zurückblickt, stellt fest, dass es das Schönste ist, sich rauszuarbeiten, wenn einen alle schon in Sack und Asche gehauen haben – später sagt man dann, wisst ihr noch, wie wir daraus eine geile Geschichte gemacht haben."

Das hatte Klopp gesagt, und jetzt, später, wenn man sagen konnte „wisst ihr noch“ und jetzt, da alles vorbei war, saßen sie 500 Kilometer entfernt. Das Westfalenstadion kam ohne sie aus, Klopp und Kehl kamen ohne sie aus. Sie waren einfach nicht. Auf die transportierten Bilder angewiesen. Fernsehsport Fußball. Sie brauchten sich.

 Es war zu viel Geschichte, es war zu viel passiert. Niemand konnte das alleine ertragen, dann stumpfte er ab. Fußball waren nicht 22 Menschen und jubelnde Menschen auf einem Bildschirm, Fußball waren die Begegnungen davor, Fußball war die Luft im Stadion, Fußball war laut, Fußball war größer als jede Fernsehkamera ihn jemals einfangen könnte, aber doch waren Hagenberg-Scholz und Dembowski darauf angewiesen.

Schill zeigte Konferenz.

Die Dortmunder schauten Borussia.

Sie waren fern ihrer Heimat.

Die Choreographie, die Gesänge, auch die frühen Tore. Sie sahen es durch einen verpixelten SkyGo-Schleier. So ging es vorbei. Es waren nicht ihre Momente. Sie waren zu weit weg. Sie konnten es nicht fühlen.

Zur Halbzeit erspielte sich der BVB ein 3:1. Kagawa, natürlich und ausgerechnet Kagawa, der das Ende eingeleitet hatte, ohne es zu wollen, traf und spielte wie 2012. Mkhitaryan hatte auf Autopilot geschaltet, und navigierte, Reus, Aubameyang. Das war alles stark. Sogar Weidenfeller konnte ungestraft Neuer sein.

Hertha lag zurück. Aber das war egal. Dazu liefen die Resulate zu sehr für sie. Marko erzählte ein paar Witze. Von China, einer Mauer. Und einem Lachen. Ferundula war am Telefon.
Schill saß still. Hamburg konnte nichts zeigen. Aber zur Halbzeit war alles offen. Freiburg lag zurück. Stuttgart hing in Paderborn mit einem 1:1 fest. Alles würde gut werden.

„Olic holt uns raus“, sagte Schill zu Dembowski, der in der Halbzeit jetzt auch einmal auf die Konferenz schaute.

„Sonst was passiert?“

„Nix. Freiburg verkackt es halt.“

Olic traf. Schalke blieb Schalke. Ein zusammengewürfelter Haufen ohne Willen, ohne Interesse an einer gemeinsamen Zukunft. Sie waren seit Anfang der Saison in der Zigarettenpause, und besprachen ihre Ausstiegsklauseln. Auch deswegen gelang Rajkovic schnell das 2:0. Hamburg konnte jetzt nur warten. Schill war ruhig. Als Stuttgart traf, und dann Hannover, war es ohnehin klar. Das große Finale plätscherte dahin. Klar: Freiburg traf noch einmal, aber das war es.

Der größte Abstiegskampf aller Zeiten endete mit den Absteigern Paderborn und Freiburg. Am Ende siegte immer die Bank. Streich war den Tränen nahe. Klopp und Kehl weinten. Im Westfalenstadion lief Jukebox-Musik. Hagenberg-Scholz und Dembowski lagen sich in den Armen. Von der großen Leinwand im Stadion sprach Klopp ein letztes Mal zu seinem Volk: "Alles wird gut!" sagte er. Es war ein späte Antwort.

Ferundula bekam davon nichts mit.

„Sami, der große Sami! Auch Hertha, sagt der Prince. Ich muss den später abholen. Flughafen. Komm wir fahren zum Humboldthain! Feiern!“

Schill schnappte sich ein paar Kisten Bier, an der Curry Baude am Gesundbrunnen organisierten sie sich noch ein paar Currypommes mit Majo. Dann hoch auf 61 Meter. Das Saisonende. Bier, Flieger, Sonennuntergang, Humboldthain.

Sie standen still. Hagenberg-Scholz, Dembowski, Schill, Ferundula. Es war ihre Saison. Es war die Saison des gefahrlosen Scheiterns. Die Heimat war weit, so weit entfernt. Und sie zogen mit dem Bier auf den Bunker. Sie waren Freunde, aber sie gingen ihre Wege. Hagenberg-Scholz an seinen Computer, Schill in seine Kneipe, Ferundula an seinen Job. Nur für den Ermittler war alles vorbei.

Er war jetzt ganz allein. Die Hände auf dem Rücken verschränkend spazierte der Ermittler die Serpentine hinunter. Manchmal erblickt er zwischen Bäumen einen Menschenauflauf auf einer der großen Wiesen des Humboldthains. Noch war das Licht des letzten Tages der Saison nicht ganz verschwunden, noch tickte auch die Uhr im Volksparkstadion. Dembowski nahm die letzten Stufen, vermied den Umweg über den Rosengarten. Immer mehr Menschen rannten in die Mitte der Liegewiese. Sie alle blickten zur Rundbogenpergola, die oberhalb der Wiese thronte.

Dembowskis Blick wanderte langsam, ganz langsam den Hang hoch und sah, was den Menschenauflauf hervorgerufen hatte: 

Dörte!

Sie saß auf einem Lama. Sie trug einen großen, durchsichtigen Rucksack und hielt in der einen Hand eine Borussia Dortmund-Fahne und ihre andere Hand klammerte sich um ein Megaphon. Sie sah Dembowski nicht, und ritt los.

„Wer muss das bezahlen? Nicht nur in Westfalen! Der ki-ka-kleine Mann muss an seinen Geldbeutel ran, aber ob er sich das leisten kann? Europapokal, Europapokal, Europapokal, Europapokal!“
Dembowski rannte los.

Als Dörte ihn sah, kurz bevor sie den Menschenauflauf am Ende des Hanges erreichte, sprang sie vom Lama, und rannte in seine Richtung. Auf dem Rücken einer großer, durchsichtiger Rucksack.  

Und im Rucksack: Koi!

„Ich habe gelogen. Er hat Dich vermisst! Alles wird gut!“

Koi huschte ein Lächeln über seine Lippen.

„Sommerpause“, sagte Dörte.

„Pokalfinale“, Dembowski.

Sie waren jetzt am Ende des Humboldthains. Sie saßen auf dem Lama. Dörte vorne, der Rucksack mit dem strahlenden Koi, ganz hinten Dembowski. Noch ein Schluck Bier, die BVB-Fahne wehte im Abendwind. Sie ritten in den Sonnenuntergang.





In einer Gastrolle: Der große Mucki spricht Hagenberg-Scholz