Montag, 13. Juli 2015

prolog

Da lag er nun. Erschöpft, aber in seinem neuen Bett. Die Tapete fing an, sich zu bewegen. Er wollte nicht aufstehen, er wollte nicht rausgehen. Nicht schon wieder. Um ihn herum: Goldtaler. Viele Goldtaler. Sie waren seine Ersatzwährung. Er rannte jetzt durch die Nacht, durch den Wald. Hin zum Park. Dort, wo er sich verloren hatte.

Ein Streit mit Justin, ein Streit mit Hauke. Er wusste es nicht mehr. Bis dieses goldene Licht über dem Kanal erschien, sich senkte. Steil. Jesus, don’t want me for a sunbeam. Eine Tür ging auf, immer noch hörte er Cobain singen. Damals auf seinem Stuhl, mit seiner Gitarre, mit seinem letzten Blick, mit seiner rechten Hand noch einmal durch die vergänglichen Haare. Eine Quetschkommode. Die Tür jetzt hell erleuchtet. Das wunderbare goldene Licht der Nacht. Auf Ferundula gerichtet. Er hielt ein Schriftstück in der Hand.

„Abgefangen!“

Ferundulas Boot lag nicht ohne Grund im kleinen Hafen nahe des Plötzensees. Die Autos rauschten, über Tegel gingen die Flieger nieder, und stiegen dahinter wieder auf. Das Wasser? Es schaukelte ihn sanft. Er konnte, wenn er wollte, ablegen, wenngleich sein Kahn jederzeit sinken konnte. Er hatte zumindest die theoretische Chance. Er konnte fliehen, wenn er wollte, wenn er musste, wenn jemand hinter ihm war und da war immer jemand hinter ihm. Er hatte Angst vor dieser Mauer, dieser letzten Hürde. Wenn er aufwachte, sah er es. Wenn er einschlief, sah er es. Es bedrückte ihn, es fürchtete ihn.

„Es ist zu spät!“

Aber jetzt!

„Abgefangen!“

Er rief es Dietfried zu, er rief es Hauke zu, er rief es auch Justin zu.

Er war wieder draußen.

Er war wieder unter Menschen.

Er sah sie.

Auf der anderen Seite. Nur kam er rüber über auf die andere Seite?

Dort standen sie, und richteten einen Scheinwerfer auf sein Boot. Es war zu spät. Es war endgültig zu spät.

Er wusste, was jetzt kam.

Da lag Dembowski nun. Erschöpft. In seinem neuen Bett. Er schreckte auf. Die Wände kahl, kaum auszumachen in der Dunkelheit. Er erinnerte sich an Orte. Er sah Schill nackt im Park. Auf LSD. Das war seine letzte Erinnerung.

Er sah Ferundula mit einem Schriftstück in der Hand. Er sah eine alte Frau an einer Bushaltestelle. Ein Schriftstück in der Hand. Er sah sich im Rückspiegel. Und Hagenberg-Scholz mit einem Wearable. Was das war, war ihm nicht ganz klar.

Alles war organisiert, alles war bereit.

Die Zeit zwischen den Spielzeiten war sein „zwischen den Jahren“, war seine Zeit.

Sonntag, 5. Juli 2015

als letzter auf der bank - life is very long, when you are lonely

Anton, Berti, Conni, Det, Edi, Fritzchen. Die Mainzelmännchen. Jeder kennt die, jeder mag die. Kein ZDF ohne Mainzelmännchen. Aber was ist mit der ARD? Die haben sowas nicht! Doch, sie hatten! Es erinnert sich nur niemand. Die hießen Ute, Schnute, Kasimir. Die mochte auch bestimmt jeder. Ich habe sie gehasst.





Als Kind hatte ich Ähnlichkeit mit Kasimir, fanden zumindest meine Mitschüler der Grundschule. Dass ich deutlich mehr Haare hatte als Kasimir, hat niemanden interessiert. Irgendjemand kam darauf, mir diesen Spitznamen zu verpassen und fortan war ich Kasimir. Auch die Mädchen nannten mich so. Kein Lehrer griff ein. Meine Eltern wussten es nicht.

Seit frühster Kindheit kämpfe ich den niemals zu gewinnenden Kampf um Anerkennung. Kasimir war nur der Anfang, aber er ist die rote Linie meines Weges. Ich stamme aus gutem Haus. Mein Vater Chefarzt im örtlichen Krankenhaus. Meine Mutter immer da, eine schöne Frau. Meine Schwester zart wie ich, aber ein Luder. Sie kannte alle Tricks. Ich kannte keine.

Ich war ein guter Schüler und das hatte in der Grundschule auch Vorteile. Ab dem ersten Tag der Klasse 5 auf dem Gymnasium sollte es mit der Ruhe vorbei sein. Die Großen erkannten in mir sofort das perfekte Opfer und schon in der ersten großen Pause flog ich in die Pissrinne. Einfach so. Die Menschen sind böse.

Ich war in der Latein-Klasse bei den Besten, die Noten immer gut. Lehrer lieben Jungs wie mich. Dafür hassten mich andere. Kaum einer traf sich mit mir am Nachmittag. Mir war langweilig. Mein bester Freund wurde der Lötkolben. Ich lötete alles: Radios, Kabel, Fernseher. Die verhassten Mitschüler, die mich eigentlich verachteten, fraßen Kreide und fragten zunehmend nach, ob sie mal mit ihren kaputten selbstgebastelten Boxen vorbeikommen könnten - den Hochtöner löten. Ich lötete alles zu ihrer Zufriedenheit, kostenlos. Ich bestellte die Ersatzteile bei Conrad, denn ich bekam Mengenrabatt. Alle wollten schnell wieder weg. Nur manchmal gelang es meiner Mutter, sie mit einem Stück Kuchen zu ködern und blieben noch eine Viertelstunde. In dieser unterhielten sie sich mit meiner Mutter. Sie war freundlich zu den Jungs, sie wusste ja nichts. Und zu mir war sie immer gut.

So ging es durch die Mittelstufe und plötzlich war ich 16 und Oberschüler. Jetzt kamen auch Mädchen dazu. Unsere Schule war ab der Oberstufe gemischt und das änderte viel. Zumindest für meine Mitschüler. Es kamen auch neue Schüler dazu, z.B. von der Realschule. Es waren auch nette dabei, einer konnte richtig gut löten und war nett. Er hatte es aber geschafft, einen der Coolen und Angesehenen zu seinem Freund zu haben und war weniger auf mich angewiesen als andersherum. Einige meiner Peiniger gingen zum Glück, sie waren zu dumm für die Oberstufe und machten nun Lehre. Der schlimmste, Uwe, wurde Tennislehrer! Er hat mich jahrelang immer geboxt, immer auf den Oberarm, einfach so. Ich hatte immer blaue Flecken. Die konnte ich aber daheim nicht zeigen. Uwe war eigentlich mein einziger regelmäßiger Besucher. Auch seiner Eltern waren wohlhabend, er war ihr einziges Kind. Uwe war noch einsamer als ich.

Ich war im Mathe-Leistungskurs und durfte mit anderen LKs die Klassenfahrt nach Prag mitmachen. Viele meines Zweit LKs Physik waren auch dabei und die hübschesten Mädchen aus dem Französisch LK. Die Reise war mein Durchbruch. Es war Ende der Achtziger Jahre nicht üblich, dass man mit guten Kameras verreiste. Ich hatte mir aber schon immer die beste Kamera gegönnt und war top ausgerüstet. Sowohl die coolen Jungs auch als die schönen Mädchen waren sehr daran interessiert, später gute Bilder zu haben. Und so war im Zentrum der Gruppe. Immer dabei, in jede verbotene Abendplanung eingeweiht. Jedes Erbrechen habe ich festgehalten, jede Knutscherei, jede Diskussion mit den linken Lehrern, die alles durchgingen ließen, selbst wenn sie ein der Jungen Union nahestehender Schnösel als „Apo-Sau“ beschimpfte.

Ich trank nichts. Ich hatte niemals Alkohol getrunken. Hier sah ich, welchen Schaden das anrichten kann. Die Schüler waren nicht mehr Herr ihrer Sinne. Aber ich verstand die Logik. Auch die Mädchen tranken viel zu viel und waren noch früher betrunken als die Jungs. Und dann knutschten sie rechts wie links. Einmal gab ich die Kamera aus der Hand und bat einen Mitschüler, ein Bild von mir Arm-in-Arm mit dem aufregenden Mädchen mit den wilden Locken zu machen. Sie war betrunken und eigentlich auch nett, also alles kein Problem. Kurz bevor er abdrückte, nahm ich noch schnell einen Flachmann in die Hand, hielt ihn an den Mund und tat, als tränke ich. Ich tat es, um nach der Reise dieses Foto herumzeigen zu können, damit andere mich cool fänden. Ich hasse mich bis heute dafür.

Ich zog das mit den Fotos durch. Ich entwickelte alle 1.938 Fotos in einer Nacht in meiner Dunkelkammer und lud die ganze Bagage zu mir nach Hause ein. Alle kamen! Die peinlichsten Bilder hatte ich aussortiert, gedankt hat mir das nie jemand. Meine Mutter machte ganz tolles Essen und ich kaufte das teuerste Bier und alle füllten die von mir vorher minuziös erstellte Tabelle mit den Nachbestellungen aus. Es waren Tausende Bilder. Ich lud wieder alle ein zum Tag der Bilderübergabe. Es kamen nicht mehr alle. Viele nahmen die Bilder für andere mit, diese würden dann später bezahlen, sagten sie. Bis heute habe nicht einmal die Hälfte des Geldes erhalten.

Die Clique war aber nun bei mir gewesen und sie waren auch in der Schule offener zu mir. Sie hatten gesehen, wie schön wir wohnten. Sie hatten die Gastfreundschaft meiner Mutter genossen, mein Fotostudio gesehen, meiner Schwester auf ihren Hintern gegafft und jeder kannte jemanden, dem mein Vater auf dem OP-Tisch des Kleinstadtkrankenhauses irgendwann mal Gutes getan hatte. Das muss sie aggressiv gemacht haben, da in der Folgezeit seltsame Dinge bei uns passierten. Zweimal stand der örtliche Pizzabote mit 12 fertigen Pizzen vor unserer Haustür. Wir hatten aber nicht eine einzige Pizza bestellt und mussten den enttäuschten Mann zurückschicken. Das war sehr unangenehm für meine Mutter. Darüber hinaus erhielt meine Mutter in meiner Abwesenheit einen Anruf von der Gema. Ich war nicht nur gut im Löten und Fotografieren, ich hatte auch stets aktuelle Filme aus der Videothek auf VHS überspielt. Der angebliche Gema-Anrufer fragte meine Mutter, ob dies stimme, denn so etwas sei ja illegal. Meine Mutter verneinte dies, packte aber noch in dieser Nacht alle Kassetten in Umzugskisten und verseckte sie in unserer Waldhütte. Sie hatte den Anruf nicht als Fake erkannt und wollte mich retten. Sie war mit den Nerven fertig. Vorwürfe hat sie mir nie gemacht.

Ich reduzierte den Kontakt zur Clique und ich glaube, sie wussten warum. Aber bald war Abitur und die Leute verteilten sich in alle Richtungen. Dann ging ich 12 Monate zur Bundeswehr und verbrachte meine allerschlimmste Zeit. Life is very long, when you're lonely. 



Dies ist meine Geschichte. Heute lebe ich in Berlin und arbeite als Forscher für Volksgesundheit am Robert-Koch-Institut. Ich bin verheiratet. Ich bin nicht glücklich. Oft bin ich traurig. Ich habe eine neue Passion entwickelt und versuche, Gesetzmäßigkeiten im Fußball zu erkennen und hieraus ein besseres taktisches Verständnis des Spiels und letztlich Handlungsempfehlungen für Trainer abzuleiten. Fußball schaue ich meist daheim mit meiner Frau, bisweilen aber auch in einer Kneipe nicht weit unserer Wohnung. Ich mag die Leute dort, aber mich behandeln sie schlecht. Sie schmeißen mich zwar nicht in die Pissrinne aber grundlos aus der Kneipe, vor allem, wenn sie betrunken sind. Das ist gemein und ich weiß nicht, was ich machen soll.

Mein Name ist Justin Hagenberg-Scholz. Ich vermesse den Fußball.

Folgen Sie mir auf Twitter! @OptaJustin

Freitag, 26. Juni 2015

das missverständnis



Wir treffen uns an der Bushaltestelle, hatte er zu mir gesagt. Ich war seinen Anweisungen gefolgt. Es war keine besonders schöne Bushaltestelle, aber sie war verlassen. Das zählte in diesem Moment. Okay, zuerst war sie nicht verlassen. Eine alte Frau tat das, was man für gewöhnlich an Bushaltestellen tut. Eine alte Frau also wartete auf den Bus. Und das war schon das eigentliche Problem. Denn solange die alte Frau, die sich immer mal wieder nach dem Bus umschaute, und  mich sonst argwöhnisch beobachtet, nicht von dem Bus aufgegriffen und somit aus der Bushaltestelle verschwunden war, blieb diese letzte Bushaltestelle vor der Speckgürtelstadt belegt. Er wird mich an dieser Bushaltestelle nicht treffen, solange die Bushaltestelle, die keine besonders schöne Bushaltestelle, aber eben eigentlich verlassen war, durch die Präsenz der alten Frau ziemlich das Gegenteil von verlassen war. Immer scheitert es an diesen Kleinigkeiten, dachte ich, und sah wie ich die alte Frau weiter beobachtete. Ich saß in der ihr gegenüberliegenden Bushaltestelle und wartete nun auch auf den Bus, der offensichtlich verspätet war, anders konnte ich mir das Verhalten der alten Frau, die manchmal auf ihre Uhr, manchmal in Richtung Bus und meist aber in Richtung gegenüberliegende Bushaltestelle blickte. Dort saß ich, und wusste, dass er, solange die Bushaltestelle, die voller Graffitis und Hinweisen, aber eigentlich keine schöne, sondern nur eine für gewöhnlich verlassene Bushaltestelle war, nicht verlassen war, auch nicht hier aufkreuzen würde. Auch nach 10 Minuten saß ich und die alte Frau stand. Sie schaute mich an, und mit aufsteigender Verzweiflung sah ich sie nun auch an. Sie blickte mich an und ich blickte sie an. Beide Bushaltestellen waren belegt. Meine Bushaltestelle war die Bushaltestelle ohne Graffitis, aber er wollte sich an der Bushaltestelle mit dem „Ultras Köpenick!“-Schriftzug treffen, hatte er mir gesagt und ich war, wie gesagt, seinen Anweisungen gefolgt. Aber obwohl es keine besonders schöne Bushaltestelle war, und auch keine Häuser in der Nähe waren, es sogar einen Fahrplan gab, der, so sagte mir meine Aufzeichnungen, vom Busfahrer jedoch aus mir unbekannten Gründen nicht eingehalten wurde, blieb es vor allen Dingen eine nicht verlassene Bushaltestelle. Aber, das hatte er mir gesagt, solange die Bushaltestelle nicht verlassen war, würde er hier nicht aufkreuzen. So sah ich die Frau an, die mir auf einmal nicht mehr so alt erschien, und die Frau blickte erst mich und dann die Leere an. Hin und wieder durchbrach ein Lastwagen unser nunmehr liebgewonnenes Ritual. Sogleich blickte ich auf den Boden, und als der Blick wieder frei war, sah ich, dass auch sie auf den Boden geblickt hatte. Wir spiegelten uns. Aber sie wartete an der richtigen Bushaltestelle auf einen Bus, dessen Nichterscheinen mir arge Probleme bereitete. Ich komme erst, wenn die Bushaltestelle verlassen ist, hatte er mir am Telefon gesagt, und wenig später den roten Knopf gedrückt. Ich kannte den Ort, ich kannte die Zeit, aber die Bushaltestelle war nicht bereit. Das bereitete mir jetzt, vielmehr noch als die Blicke der alten Frau, an die ich mich längst gewöhnt hatte und die ich lässig mit eigenen Blicken konterte, große Sorgen. Seine Informationen waren, so viel war mir klar, fundamental für den Fortlauf der Dinge. Er hatte die Dokumente, die mein nunmehr zwei Wände meines Wohnzimmers überspannende Zeichnung einen entscheidenden Schritt voranbringen würden. Aber die Bushaltestelle, an der wir uns hatten treffen wollen, blieb auch nach 20 Minuten nicht verlassen und die alte Frau, die eigentlich nur älter als ich, aber keineswegs alt war, blickte jetzt auch nicht mehr in meine Richtung, sondern nur noch in die Richtung des nicht erscheinenden Busses. Manchmal auch auf die Uhr. Das Zeitfenster schloss, und ich fuhr zurück in die Stadt. Die alte Frau blieb zurück, und blickte mir ein letztes Mal hinterher. In ihrer linken Hand hielt sie einen Hefter.