Samstag, 18. Oktober 2014

effzeh 2 bvb 1 - die meisterschaft ist durch, oder?

“Heute ist ein guter Tag!” Schill schaute Dembowski ungläubig an. Erst war der Ermittler wochenlang nicht aufgetaucht, und jetzt saß er da, trank Tee, sah die nächste Dortmunder Niederlage, und sprach von einem guten Tag.

„Das hier fühlt sich wie ein Sieg an, wie ein Wendepunkt. Ich habe so viele gute Dinge gesehen. So viele kleine, gute Dinge.“

Schill verstand Dembowski nicht.

„Hast Du nicht laut Krise geschrien, als es noch keine Krise war? Wieso verschließt Du jetzt die Augen? In der Mannschaft stimmt es nicht. Das sag ich Dir als Freund, das sag ich Dir als Hamburger. Klopp erreicht die Mannschaft nicht mehr. Er ist selbstherrlich, er ist arrogant. Immer sucht er nach Ausreden.“

Schill erzählte Dembowski von der Pressekonferenz. Der Ermittler hatte sie nicht gesehen. Er wollte sie nicht sehen. Weil es nur Worte waren. Und der Worte war er leid. Er war so vieler Dinge leid, die wenigsten aber hatten mit der Borussia zu tun, erklärte er Schill.

Doch der schaute weiter besorgt, wollte wissen, wo Dembowski gewesen war und warum er nicht dem Schultheiss frönte. Aber der Ermittler schwieg. Nicht weil er dem kauzigen Bademantelträger die Wahrheit vorenthalten wollte, sondern weil genug geredet worden war.

Der Kneipier ging erneut auf die Pressekonferenz ein. Klopp, so erzählte Schill, habe Journalisten abgekanzelt. „Die, die solche Artikel schreiben, haben keine Ahnung von Fußball, hat Klopp gesagt“, sagte Schill. „Und ich frage mich jetzt, hat der Trainer überhaupt Ahnung von Fußball und erreicht er das Team mit seinen immer gleichen Sprüchen von der Festplatte, dem Neustart, dem unangenehmen Gegner überhaupt noch? Ich bezweifele das“, sagte Schill.

„Du bist auch Hamburger. Du musst zweifeln.“

„Aber die Borussia ist doch jetzt in einer Krise. Das kannst Du doch nicht vom Tisch wischen“, sagte Schill und blickte noch einmal auf die Tabelle. „Die haben so viel Geld investiert, niemand davon spielt, und wenn nicht annähernd seiner Ablöse entsprechend. Nicht einmal Mkhitaryan, nicht einmal Aubameyang. Das zweite Jahr zählt beim BVB auch nicht mehr. Ihr habt die falschen Spieler gekauft. Ihr habt“, sagte Schill, „unter Druck die falschen Entscheidungen getroffen, und diese Fehler im letzten Jahr noch kaschieren können. Jetzt holt Euch die Realität ein. Ihr fallt. Dein Leuchtturm stürzt. Das war es!“

„Die Menschen“, sagte Dembowski und nahm noch ein Schluck Tee, „lieben das Scheitern. Die Menschen lieben die Geschichten vom Aufstieg und vom Fall. Sie begleiten Dich hoch und sie nehmen es persönlich, wenn es dir dort oben einmal schlecht geht. Sie fühlen sich angegriffen, und in ihrer Wut und ihrer Ausweglosigkeit, und, das darfst Du nicht unterschätzen, in ihrer Hilflosigkeit machen sie dich ein.“

Mittlerweile war der Ton aus. Seit einiger Zeit hatte Schill einen Plattenspieler hinter der Bar. Wenn die Jukebox mal nichts hergab, oder wenn der Ermittler kam und redete. Dann legte er ihm eine Platte auf. Und untermalte seine Nächte. Mehr konnte er nicht für ihn tun.

Und so sang Nils Koppruch seine Lieder vom Ende der Nacht. Das Jazz-Album. Fink – Fink. Das mit dem Schweigen, das mit dem Bleiben. Auch Koppruch war nicht mehr. Wie so viele der Dembowski-Helden.  Doch hier sang er noch.

„Du kannst verloren und verflucht sein, und Du kannst die Stunden zählen, die zu lang sind und dich quälen. Du weißt den Weg und auch das Ziel nicht. Und ob es Nacht oder schon Tag ist. Du hast vergessen, wo du her bist. Und ob es richtig oder falsch ist.“

Schill fand das passend und Dembowski wohl auch, den er liebte dieses Lied, dieses Album und es schmerzte ihn zu wissen, dass da nichts mehr kommen würde.

„Verloren und verflucht. Starke Worte, Schill!“ sagte der Ermittler. Er saß aufrecht, rührte in seinem Tee. „Danke!“

„So ein wenig habe ich bei euch auch das Gefühlt. Ihr habt eure Vergangenheit vergessen, ihr sucht eure Identität und ihr findet nichts. Ihr seid hilflos. Ihr habt kein Vertrauen mehr. Und ihr habt falsch eingekauft, dabei bleibe ich.“

„Ja, und die Bayern wollten es so. Die wollten Fehler provozieren. Moment, ach, ach, Fink! So weise Worte“, sagte Dembowski. Er war jetzt abwesend, hatte den Faden verloren. Und man bekam das Gefühl, dass da irgendwas anderes war, etwas Größeres. „Wir sind kein Werder Bremen“, murmelte er. Schill fand die Erklärung zu einfach. „Geld hattet ihr trotzdem genug“, sagte er.

„Schau. Wir haben einen Torwart, der sich für Manuel Neuer hält, aber der Roman Weidenfeller ist. Wir haben ein Kapitän, der nicht da ist, der so wie ich hier abschweife, immer abschweife, weil ich mich der Situation nicht stellen will, auf der Suche ist. Er will alles und vergisst vieles. Die beiden Spieler heute. Dazu fehlte uns Durm. Wir waren mit 3 Mann im Zentrum. Und Kevin wäre links gewesen, hätte Räume gerissen, hatte geackert.“

Aber das war Schill zu einfach. „Reus, Gündogan, Mkhitaryan, Kagawa, Immobile“, zählte er auf.

„Wir brauchen Zeit. Das wusste ich. Und wir bekommen keine Zeit. Das wusste ich. Die werden wir jetzt bekommen. Unter Druck. Unter Erregungsattacken der üblichen Verdächtigen. Klopp baut seine Mannschaft on the fly. Die haben so alle noch nie zusammengespielt. Die hatten keine Vorbereitung. Nicht zusammen. Und manch einer nicht einmal alleine“, sagte Dembowski.

„Aber was willst Du mir sagen?“ fragte Schill, „dass alles irgendwie gut wird. Mit der Zeit.“

„Niemand hatte jemals gesagt, dass es einfach wird. Gehofft. Klar. Aber gesagt? Vielleicht. Aber was ich heute gesehen habe, hat mir Hoffnung gemacht. Vielleicht auch nur für 10 Minuten. Aber das ist der Weg. Muss man nicht mitgehen. Aber der ist ohne Alternative“, sagte Dembowski. „Wir wirken ideenlos, wir wirken planlos, und unkonzentriert. Das waren wir auch. Aber nicht heute. Heute waren wir in der Vorbereitung. Wir verzögern. Das reicht nicht im Ligabetrieb. Nicht jetzt. Aber es wird reichen.“


„Aber die Meisterschaft ist durch, oder?“, lachte Schill, und Dembowski lachte auch. „Mach ma nen Schulle klar!“ 

Montag, 6. Oktober 2014

bvb 0 hsv 1 - eight miles high

Irgendwann war das Spiel einfach vorbei. Wahrscheinlich war die Borussia wieder angerannt, und wahrscheinlich war die Borussia wieder einmal ohne Glück. Wer konnte das schon sagen? Dembowski nicht. Er saß dort. Die Arme stützen den schweren Kopf. Schill umarmte ihn. Flüsterte aufmunternde Worte. Aber der Ermittler hörte nichts und sah nichts und er erinnert sich nicht.

Wieder einer dieser Tage.

Gerade noch war er in Brüssel auf dem Atomium. Die Arme ausgebreitet. War das die Wende? War er geheilt?

Vielleicht, hatte gedacht.

Eight miles high.

Gegen Anderlecht war es ok gelaufen.

Lange Bälle über die Abwehr, kurze Lupfer über die Abwehr. Die Abwehrfehler einmal nicht bestraft.

And when you touch down you’ll find that it’s stranger than known

6 Punkte, 2 Spiele. Ein paar Tore. Wichtiger: Keine Gegentore.

Das zählt alles nicht. Nicht für Dembowski. Das mit der Champions League hatte er nie angezweifelt.
Seit Saisonbeginn hatte er ein mieses Gefühl. Wohin er schaute: Leuchttürme.
Lief er an einem Samstag einmal durch Mitte, verschwamm der Fernsehturm am Alexanderplatz. Doch sein Licht warf Leitfeuer über die Stadt. Er war immer im grünen Bereich, und so sehr er auch nach links steuerte, so blieb er doch im grünen Bereich.

Und wenn er einmal (denn er hatte es nie ganz aufgegeben) aus dem Campo Dembowski heimkehrte und auf einer der Honecker-Alleen auf Berlin blickend stoppte, war er im Richtfeuer der Lichter zweier Türme, die sich über der Stadt erhoben, und die sich jeden Winkel der Hauptstadt holten. Ihn ausleuchteten. Ihn sezierten, ihn markierten, ihm einen Sinn zuwiesen und schwarz und weiß ausspuckten.

Hier die guten Teile und da die schlechten Teile. Doch nur das Licht überlebte.
Einmal, als Dembowski wartete, verschwamm das blaue U-Bahn-Zeichen an der Osloer Straße, formte sich neu und bewegte sich ruckartig, erst von ihm weg. Und der Ermittler war erleichtert, doch bald schon fiel das Licht in sich zusammen. Dunkelheit. Einige Menschen stürzten den U-Bahn-Schacht hinab, doch Dembowski stieg auf, und verharrte. Die Arme weit ausgebreitet. Und er sah die grauen Gesichter, er sah die Mühen der Menschen und wie sie gezeichnet waren. Und er sah einen Leuchtturm mit goldenem Leitfeuer. Dann fiel er. Und eine Menschenmenge hatte sich um ihn versammelt. Während er dort lag und alles dunkel war.

Signs in the street that say where you're goin'. Are somewhere, just being their own.

Leuchttürme, so haben wir gesehen, dominierten Dembowskis Tage und Nächte. Sogar Schill hatte sich einen besorgt, und ihn mit einer Raute versehen. Darunter:

"Der HSV ist der einzige Club, der es vom Umfeld her schaffen könnte, langfristig dem FC Bayern ebenbürtig zu sein" (Uli Hoeneß, 2012)

Und dann diese Niederlage. Wieder fehlte die Konzentration, wieder fehlte es an Glück, fehlte es an Pässen, aber nicht, so lachte Schill Dembowski ins Gesicht, an Fehlpässen. Das Pressing fand nicht statt, und Hamburg, dreckig, Abstiegskampf eben, trat und kämpfte und rannte und trat und spielte auf Zeit.

Nowhere is there warmth to be found among those afraid of losing their ground

Waren es doch die verletzten Spieler? Auf dem Platz stand immer noch eine formidable Mannschaft, aber es klickte nicht. Es fehlte jemand. Es fehlte jemand mit Selbstvertrauen, und jemand, der das Team an die Hand nahm. Mit einem Moment, mit einer Aktion, mit seinem Glück. All das war der Borussia abhandengekommen, und das stimmte Dembowski traurig.

Schill hingegen freute sich still. Er wollte nicht nachtreten, und er wußte nur zu genau, wie Dembowski sich nun fühlte. Er saß dort und er trank nicht einmal mehr sein Bier. Er saß dort, und er wirkte so seltsam abwesend, als wäre etwas in ihm verschwunden, nicht mehr da. Weg. Stille. Und in diese Ruhe brach der Gesang der Südtribüne. Sie verabschiedete die Mannschaft.

„Mach das aus, Schill. Ich ertrage es nicht mehr. Ich ertrage es nicht mehr, nicht dort zu sein. Und ich ertrage es nicht mehr, die Mannschaft in diesem Zustand zu sehen. Sie reden über den großen Angriff auf Europa. Sie wollen dabei sein, wenn die Spirale sich immer schneller, und ganz am Ende zu schnell dreht, und immer mehr Vereine aus der Bahn wirft. Was sollen sie auch anders tun? Das sind die Zwänge. Und doch wirft es wieder den Blick auf die ewige Frage: Welchen Fußball wollen wir eigentlich? Wollen wir den Erfolg unserer Mannschaft? Zu welchem Preis?

Muss unser Verein moralischer, glaubwürdiger, ehrlicher sein als wir es jemals sein können, sein werden? Darf er sich verkaufen? Und wann verkauft er sich? Verkaufen wir uns? Und wieso sind unsere Ansprüche an den Verein immer die höchsten, an uns selbst aber immer nur die geringsten? Wieso reden wir von Vorbildfunktionen und zeigen mit den Fingern auf die Verfehlungen der anderen Vereine, ja, manchmal sogar unserer eigenen Vereine?

Wogegen wehren wir uns? Und wann kommt der Punkt, an dem wir uns nicht mehr wehren, uns angewidert abwenden und was kommt danach? Machen wir das am sportlichen Erfolg fest? Üben wir nur Kritik, weil wir in Sorge sind, und zugleich einfach so weit weg und dadurch zutiefst hilflos, ohne Chance, etwas zu verändern?“

Dembowski starrte auf den Leuchtturm, sein Blick wanderte durch die Kneipe in Richtung Fernseher. Dort standen die Spieler immer noch vor der Süd. Und Kevin zog sein Trikot aus.

„Ändert das wirklich etwas? So viel Liebe. So viel Feuer. Merken die Spieler das? Und ist es nicht überhaupt einfach furchtbar egal, weil es in diesem Moment  nicht um die Spieler geht, sondern um den Verein, der so viel größer als die Summe der einzelne Spieler ist? Ist das nicht einfach eine Trotzreaktion? Oder ist es doch der Geist von Borussia Dortmund? Kann es etwas verändern?“


„Dembowski, da vorne ist die Tür. Hau endlich ab. Deinen weinerlichen Mist kann doch niemand mehr ertragen. Geh. Der HSV hat gewonnen. Lass mir wenigstens diesen Moment.“ 

Mittwoch, 1. Oktober 2014

ist das die wende?

Trümmer, Trümmer, Trümmer! Die Vorwürfe waren gravierend. Ich habe, sagte man mir, alle Liebe und Hoffnung verloren. Meine Seele verkauft. Dem Teufel, den Trümmern, der dunklen Seiten. Sucht es Euch aus. Aber macht es.

Ich kannte das. Manchmal war ich in der Tat leer, aber diese Anschuldigungen durfte ich nicht auf mir ruhen lassen. Sie lasteten schwer auf mir, und würden, dessen war ich mir sicher, jedes Fortkommen verhindern.

„Schwachsinn. So einen Humbug will ich nicht hören. Solche Bemerkungen sind nicht der Rede wert“, sogar Mats Hummels, der bald ewige Kapitän der Borussia, hatte mich in einer Bemerkung gegenüber der dpa scharf kritisiert.

Dabei ging es mir immer nur um den Verein, es ging mir um den großen Erfolg, es ging mir um diese Woche in Berlin am Ende der Saison, aber noch viel mehr um das beständige Wachstum. Denn nur so, das wusste ich, würde die Borussia die Bauarbeiten am zweiten Leuchtturm erfolgreich abschließen und nur so würde die Borussia auch in Zukunft gehört werden.

Sollten schon bald die dringenden Themen des deutschen Fußballs von Focus-Reisereportern und Red Bull-Fans diskutiert werden, oder sollte der BVB auch in den nächsten Jahren ein gewichtiges Wort in den Planungen mitsprechen.  Es war nicht nur der Verein, sondern auch die Fans, die vom Erfolg profitierten. Gewinnern hört man gerne zu, Verlierer dürfen mit am Tisch sitzen, und Entscheidungen absegnen, das kannte ich nur zu gut aus eigener Erfahrung.

Doch hatte ich mich maßlos überschätzt. Zwar war es immer der Empfänger der Botschaft, der sie falsch interpretierte, jedoch hatte ich für solche Spitzfindigkeiten keine Zeit. Das Spiel gegen Anderlecht war wieder einmal richtungsweisend. Ein Sieg dort, ein weiterer gegen Hamburg. Ja, das würde den BVB schon wieder in die Spur bringen, und den Emporkömmlingen aus Gladbach, Hannover, Leverkusen, Hoffenheim und Wolfsburg Warnung genug sein.

Doch eins war mir klar: Nur Worte waren kein Ausweg auf dem Weg zur Rettung. Manchmal endet die Macht der Worte, hatte ich mir eingestanden, und gleichzeitig Taten beschlossen.

Noch in der Nacht stieg ich in ein Kostümgeschäft im Prenzlauer Berg ein, und enterte am frühen Morgen den Flug in Richtung Brüssel. Ohne Karte, aber mit Verkleidung. Ich war der Spiderman.  Ich war stärker, schneller, intelligenter, beweglicher als jemals zuvor. So bewegte ich mich durch Brüssel, immer auf der Suche nach der nächsten Gefahr. Ich musste meine Skills testen, und nahm von ganz unten Anlauf aufs Atomium.  Aber ein Brunnen hinderte mich. Ich sah hin. Blieb stehen, und vernahm verdächtige Geräusche. Einmal blickte ich mich um. Dann rannte ich wieder.


Mit einem Sprung klatschte ich an die unterste Kugel, das Spinnennetz breitete sich aus. Bald schon stand ich oben, das Heysel-Stadium hinter mir, die Stadt vor mir und blickte über die belgische Hauptstadt. Ich sah verfallende Gebäude in der Oberstadt, ich sah Touristenmassen in der Unterstadt und ich sah wie Aubameyang Anlauf nahm. Dabei hatte das Spiel noch nicht begonnen. Mein Körper lud sich mit Liebe auf. Der Zerfall der Welt, die Sonnenstrahlen, und die Frage: War das die Wende?