Dienstag, 17. März 2015

ermittlungen aller art

dietfried dembowski, ermittler
sie sind verzweifelt?
honorar nach vereinbarung
mail

dietfried dembowski lebt hier nicht mehr

Wenn es Sie mal wieder nach Berlin verschlägt, und Sie sich nicht vor den dunklen Ecken der Hauptstadt fürchten, Sie nachgerade danach suchen und so nach langen Irrfahrten über den S-Bahn-Ring, denn bedenken Sie die Sperrung des Nord-Süd-Tunnels, am Fernbahnhof Gesundbrunnen aus- und gemächlichen Schrittes über die Grüntaler Straße kommend, an Justin Hagenberg-Scholz Wohnung vorbeischreitend, den nördlich der Osloer Straße gelegenen Soldiner Kiez erreichen, und dort, kurz bevor Sie das Ende der westlichen Welt erreichen, in die namensgebende Straße einbiegen, vielleicht noch einen kurzen Moment am Käfig Ecke Freienwalder verharren – vielleicht finden Sie den neuen Prince, der alte Mann ist längst out-of-fashion, wie Sie in den letzten Wochen sicher mit einem Lächeln den aktuellen Tageszeitungen entnehmen konnten – bewegen Sie sich direkt auf Hauke Schills Soldiner Eck zu.

Gehen Sie ruhig hinein, und schauen hinter die nikotingetränkten Vorhänge, stören Sie sich nicht an der zerschlagenen Scheibe und bestellen Sie ein Kronen Export. Hauke Schill wird es Ihnen gerne servieren. Sein ehemaliger Freund Dietfried Dembowski hat Hausverbot. Wie ich Sie kenne, werden  Sie von diesem Zerwürfnis gelesen haben. Vielleicht werden wir schon bald ein Versöhnungsfest erleben. Doch jetzt, Mitte März 2015, steht es nicht gut um diese Männerfreundschaft. Es steht, und so bewegen wir uns langsam zum Ursprung aller Probleme, auch nicht gut um den HSV, und, Hand aufs Herz, auch dem Fußball geht es beschissen.

Aber, keine Sorge!, mit dem Fußball wird es weiter bergab gehen (vom HSV brauchen wir nicht reden) und war dies nicht ohnehin der Ausgangspunkt Ihrer Reise? Waren Sie nicht auf der Suche nach der Heimat des Untergangspropheten?

Ja? Sie werden ihn  hier nicht finden.

Verlassen Sie das Soldiner Eck nach diesem Kronen. Und kommen Sie nie wieder.

Hier werden Sie nur Fortschritt finden.

Dietfried Dembowski lebt hier nicht mehr.

Er hat genug von Leuten wie Ihnen. Verschwinden Sie endlich!



Dienstag, 10. März 2015

hausverbot im soldiner eck




Schill: Dembowski übertrieb es mal wieder. Der war zwei Tage bei mir. Soff, schrie, und sezierte jede noch so nichtige Äußerung im Fernsehen. Aber gut, er bringt auch eine ganze Menge Kohle mit. So wahnsinnig viele Gäste habe ich auch nicht. Über die Zeit habe ich ihn sogar liebgewonnen, auch wenn der Ermittler schon einen ganz schönen Lattenschuss hat.

Dembowski: Ich häng wirklich wahnsinnig gerne im Soldiner Eck ab. Schill hat in den letzten Wochen die Jukebox mit neuen Scheiben versehen. Austro-Pop meets Doom-Folk. Schräg. Und geil. Rund um die Pokalspiele hing ich da mal wieder rum. Kronen trinken, Fußball schauen, was man als Ermittler so macht, wenn nix passiert. Schill musste ja unbedingt Sky schauen. Ich hab dann einfach Arbouretum lauter gedreht. When Delivery Comes. Und Reif war ruhig. Der hat vorher ohnehin wieder kassiert.

Schill: Der Ermittler schrie dann einfach los. Reif habe es verdient, und überhaupt müsse man sich nicht alles gefallen lassen. Dazu ließ er nicht von der Jukebox ab. Immer lauter, immer dunkler. Ich habe es da schon nicht mehr ausgehalten.

Justin Hagenberg-Scholz: Für das Dresden-Spiel habe ich keine Karte bekommen. Ganz alleine wollte ich das Spiel nicht schauen. Ich bin dann rüber auf die andere Seite der Osloer Straße, in den dunklen Teil Berlins. Bis auf Dembowski war wieder kein Gast da. Ich habe das Spiel an einem Tisch verfolgt, und als Dembowski schrie auf den Kommentar verzichtet. Dazu habe ich auf whoscored.com die Livedaten verfolgt, und war auf Twitter mit Collinas Erben im direkten Austausch. Da habe ich auch das Bild von der Attacke auf Reif gesehen. Unverantwortlich! Die Leute sind verrückt. Muss es erst Tote geben, damit die Menschen verstehen? Mit Bierduschen fängt es an, mit Kriegen endet es. Dieser Hass in den Gesichtern.

Dembowski: Hagenberg-Scholz war auch da. Darauf konnten Schill und ich uns dann noch einigen.

Schill: Wir haben den Typen mit seinen Tablets und Gadgets vor die Tür gesetzt. Und dann war Frieden. Borussia hatte ja auch gewonnen.

Dörte: Dietfried hat mich in der Nacht noch angerufen. Ich konnte ihn kaum verstehen. Er hat von vorauseilender öffentlicher Empörung geredet. Aber später auch nach Koi und den Lamas gefragt. Manchmal habe ich Angst, ihn an den Soldiner Kiez zu verlieren. Er ist später eingeschlafen. Ich habe ihm gesagt, dass ich ihn liebe.

Dembowski: Mittwoch mit Telefon in der Hand aufgewacht, aufgestanden, ein paar Pillen geschmissen, schon wieder in die Kneipe. Pokal! Ich hatte noch ein Rattenball-Shirt vom Kick in der Alten Försterei und El Plastiko stand an. Ich bin runter zu Schill. Der stand wieder im HSV-Bademantel vor der Tür. Ich kann den manchmal auch nicht wirklich ernst nehmen. Egal. Auch erst mal ne Kippe gegen den Kater angesteckt. Schill hat mir ein Kronen aus der Kneipe geholt. Dröhnte gut.

Schill: Manchmal kann ich echt nur den Kopf schütteln. Ich stand vor der Tür, holte ein wenig Luft, da kommt Dembowski an. Rattenball-Shirt, Trainingshose, Badelatschen. Eigentlich wollte ich die Kneipe nicht aufmachen, aber der Junge trinkt so gerne. Ich habe ihm ein Kronen geholt. Da stand er da. Rauchte, soff, und überlegte, wie der BVB noch in die Champions League einziehen kann. 

Hagenberg-Scholz: El Plastiko! Das wollte ich mir nicht nehmen lassen. Toller Fußball direkt aus dem Skizzenbuch der modernen Taktik. Lief leider nur auf Sky, also wieder zu Schill. Auch wenn sie mich dort nicht so gerne sehen. Dembowski hatte ein Rattenball-Shirt an. Ich habe ihm dann erzählt, was ich davon halte und wieso. Die RB Leipzig-Offiziellen und Fans werden als Schädlinge wahrgenommen, die bekämpft werden müssen. Der Ermittler sieht sich wohl in großer deutscher Tradition. Er war erst einmal sprachlos, und ich legte ihm noch die Aussagen von Reif vor. Auch er mache sich schuldig, sagte ich ihm. Seine Antwort war wieder nur Gewalt.

Dörte: Als der Anruf kam, hatte ich schon ein mieses Gefühl.

Schill: Dembowski ist komplett durchgedreht. Er kommt mit Hagenberg-Scholz nicht klar. Ich auch nicht. Aber diesmal hat er es wirklich übertrieben. Justin lag auf der Erde. Und der Ermittler schrie und trat. Ich habe die Polizei gerufen.

Dembowski: Hagenberg-Scholz fing auf einmal von strukturellem Antisemitismus an. Dann erzählte er mir noch einmal von Reif, und behauptete, dass die Dortmunder die fangewordene Pegida-Demonstration seien und er sich für die Fratzen schäme. Dabei blickte er wieder auf sein Tablet, um sich der Solidarität der Massen sicher zu sein. Wenn ich nicht für ihn sei, sagte er mir, sei ich gegen ihn und somit auch gegen die breite Mehrheit der im Internet veröffentlichten Meinung. Er habe da über 6.000 Follower und sei damit eine Macht. Er wollte dann ein Bild von mir machen und es „online“ stellen. Dazu kam es nicht. Hier ist Realität, habe ich ihm gesagt, und ihm dann ein Stuhl über den Kopf gezogen. Als er lag, habe ich immer weitergetreten bis man mich wegzerrte.

Bernd Maurenbrecher (zufälliger Gast): Es musste dazu kommen. Ich habe Dembowski jetzt lange beobachtet. Vielleicht liegt es am Alkohol, vielleicht aber auch nicht. Die Klagen des lieben Ermittlers standen beispielhaft für den blinden Opfernarzissmus seiner Kreise.

Ridley Ferundula (Spielerberater): Ich war eigentlich nur nach Berlin gekommen, um über Dembowski endlich mal ein Fuß in die Tür des deutschen Fußballs zu bekommen. Ich habe da schon ein paar Spieler im Angebot. Doch daran war nicht zu denken. Der Wirt erzählte mir die Vorgeschichte. Ich bin dann wieder gegangen.

Dörte: Als Dietfried seinen Rausch ausgeschlafen hatte, haben sie ihn rausgelassen. Er hat sich am Telefon ausgeheult, gesagt, dass die moderne Welt sich gegen ihn verschworen habe.

für immer Soldiner Kiez

Dembowski: Als sie mich rausgelassen haben, bin ich erstmal über den Friedhof geschlendert. In Ewigkeit, Amen. Ich habe überlegt, was genau mich so aggressiv werden lässt. Wahrscheinlich ist es meine eigene Hilflosigkeit. Das Spiel und seine Beobachter haben sich verändert. Wir stolpern von Aufregung zur Aufregung. Und immer weiter hinein in den gierigen Schlund des modernen Fußballs. Wir alle sind Spieler, und wir alle unterhalten. Wir sind Mahner, Bewahrer, Vermarkter und Beschleuniger in einer Person. Wir sind ein Feuerball, der sich über vertrocknete Felder walzt und alles in Brand setzt. Das sieht, solange alles brennt, faszinierend aus. Und noch gibt es genug Felder, noch kann die Flamme lodern, und wir haben die Hilfsmittel den Ball zu lenken. Wir können ihn nur nicht stoppen. Aber irgendwann wird das Feuer aus sein, und das Spiel endet. Doch gerade jetzt ist alles im Überfluss vorhanden.

Schill: Donnerstag war Dembowski wieder da. Er trug immer noch sein Rattenball-Shirt. Er erzählte mir was von der brennenden Erde, und dass wir das Feuer nicht mehr sehen. Er war komplett durchgeschwitzt. Der Fußball, sagte er, sei nicht mehr zu retten. Ich habe ihm dann Hausverbot erteilt. Da ist er komplett durchgedreht, und hat eine Scheibe eingeworfen. Die Polizei habe ich ihm trotzdem erspart.

Dembowski: Schill hat mir dann Hausverbot erteilt. Was ein Penner. Sicher wegen dem Hamburg-Spiel. Diese Tretertruppe kann ich ohnehin nicht leiden. Die können kein Fußball spielen, die können nur den Gegner vernichten. Über Jahre hinweg habe die Kohle vernichtet. Der HSV, dazu noch Stuttgart, Hertha, Kaiserslautern schon lange, 1860 München. Die haben den Sport doch erst in die Scheiße geritten. Ihre Schwäche wurde gnadenlos ausgenutzt. Jetzt gibt es Wolfsburg, Hoffenheim, Leipzig, Ingolstadt und wer da noch alles kommen wird. Dazu haben wir die FIFA, die UEFA, den DFB und die DFL. Geld, Geld, Geld. Die verbotene Frucht im Garten Eden.

Maurenbrecher: Der Ermittler und sein Kult. Er war kurzzeitig vom falschen Weg abgekommen. Doch jetzt sehen wir ihn wieder in seiner Paraderolle als verblendeter Borussia Dortmund-Fan.

Schill: Natürlich kam mir die Auszeit gelegen. Wir sind im Abstiegskampf. Und Dortmund war am Wochenende der Gegner. Mit dem 0:0 können wir gut leben. Aber nicht mit den weinerlichen Borussen. Wann hat das eigentlich angefangen? Dann noch seine Parolen an der Häuserwand.

Dörte: Die nächsten Tage war Dietfried von der Bildfläche verschwunden.

Dembowski: Ich habe mich eingeschlossen. Das Hausverbot hat mir zugesetzt. Einmal habe ich noch „HSV Joe go home“ an die Wand geschrieben. Das Hamburg-Spiel hab ich mir als Stream angeschaut. Behrami schlug sofort um sich. Aber klar, wir sind nicht die Bayern, Gagelmann hat es ignoriert. Wie bei Erdmann, wie damals bei Bakalorz. Die machen unsere Spieler kaputt, der Sport ist es schon. Vom Leuchtturm möchte ich gar nicht mehr reden. Aber wieso sollen wir uns überhaupt noch beschweren. Ich werde mich meinem Schicksal fügen. Der Gegner hat gewonnen. 

Hagenberg-Scholz: Mir ging es wieder gut. Schill erzählte mir vom Hausverbot. Ich wieder hin. Das Hamburg-Spiel ohne Dembowski war wirklich entspannend. Sahin hat uns gefehlt. Wir haben gegen den tiefstehenden Gegner und gegen die Aggressivität wenig ausrichten können. Man hat auch gesehen, dass Aubameyang gegen diese Abwehr aufgeschmissen ist. Wir stehen jetzt zwischen den Orten, und da werden wir auch bleiben. Europa ist über den DFB-Pokal noch machbar. Hoffenheim müssen wir schlagen, obwohl sie ein guter und längst etablierter Verein sind.

Schill: Ich hab Dembowski dann noch einmal auf der Straße getroffen. Er trug noch sein Rattenball-Shirt. Und ereiferte sich gleich. Ich habe nur Behrami gehört, und ihm gesagt, dass sie jetzt einfach die Bakalorz-Geschichte weitererzählen.

Dembowski: Keine Ahnung. Ich glaube, meine Zeit ist vorbei.

Dörte: Ich mache mir Sorgen um Dietfried. Er muss sich ausruhen.