Montag, 17. August 2015

brave new world - der erste spieltag

“Diese Bilder würden wir nie bringen”, sagte Miriam Wu.

„Wasnlos?“ Dembowski leerte sein fünftes Bier des Abends. Saisonauftakt im Jahnsportpark. Empor gegen VSG Altglienicke. Berlin-Liga.

77 Minuten waren gespielt. 2:0 für die Gäste, die seit der 76. Minute auch auf die Geniestreiche des ehemaligen Wolfsburgers Kevin Pannewitz setzen konnten.

Der Mittelfeldspieler hatte sich erst Anfang der Woche mit einem Zeit-Text zurück ins Gespräch gebracht.

Die Geschichte seines Absturzes hatte Dembowski fasziniert. „Mein größter Feind ist der Kühlschrank“, hatte Pannewitz der Wochenzeitung erklärt. Die Geschichte drehte sich um Alkohol, Nachtklubbesuche, Felix Magath, und das alltägliche Scheitern abseits der Scheinwerfer. 

Es ging um den Rausch nach der Niederlage, und dass was mit einem passiert, wenn der Profifußball nicht mehr die schützende Hand über einen legt.

Mit gerade 23 Jahren war Pannewitz am sportlichen Tiefpunkt seiner Karriere. Der Traum von der ersten Liga war längst ausgeträumt. Von Hansa Rostock ging es 2012 zum VfL Wolfsburg. Er blieb ohne Einsatz. Es war Magaths Endzeit. Über den Vierligisten Goslar war er zu Saisonbeginn zurück in seine Heimstadt Berlin gekommen. Mittlerweile über einhundert Kilos schwer.

Er wolle jetzt bei der Berliner Stadtreinigung eine Ausbildung beginnen, hatte der Mittelfeldspieler der Zeit gesagt.  Nebenher würde er bei der VSG Altglienicke kicken. Alles würde schon irgendwie okay werden.

Zu Spielbeginn saß Pannewitz auf der Bank.

Dembowski beobachtete ihn. Er war Teil der rund 200 Zuschauer, die sich an diesem Donnerstagabend im ewigen Sommer 2015 auf einem Nebenplatz im Jahnsportpark eingefunden hatten.

Der Ermittler trank Bier.

Veltins aus Warsteiner-Plastikbechern. Viel schlimmer hätte es nicht kommen können.

Die leeren Becher trug der Wind über die Laufbahn in Richtung Rasenplatz, auf dem sich beide Mannschaften um Struktur bemühten. Es gelangen ihnen wenig. Erst gegen Ende der ersten Halbzeit konnten die Gäste aus Altglienicke durch einen Kopfballtreffer in Führung gehen. Schiedsrichterin Katja Kurbelt hatte mit der Partie wenig Probleme.  

Dembowski trank Bier.

Veltins aus Warsteiner-Plastikbechern. An der Theke traf er Miriam Wu. Es hätte nicht schlimmer kommen können.

Wu hatte ebenfalls den Zeit-Text gelesen. „Das hat mich natürlich interessiert. Wie kann man so versagen? Der hat sein Leben nicht im Griff. So traurig“, sagte sie.

Wu machte irgendwas mit Medien. In den oberen Etagen, wie sie mehrfach wiederholte. 

„Wir liefern Euch die Bilder“, sagte sie, und schwieg sich weiter über ihre genaue Position aus. Immerhin besorgte sie Dembowski noch ein Bier, „obwohl das ja eigentlich nicht so mein Ding ist.“ Aber sie bemerkte, dass der Ermittler in der Sommerhitze beinahe dehydrierte.

Während Pannewitz in der Pause auf dem Platz ein paar präzise Pässe spielte, und ein langjähriges Empor-Mitglied zum 70. Geburtstag einen Wurstkorb überreicht bekam, verwickelte Wu Dembowski in ein Gespräch.

Sie redete gerne. Ihr Leben war aufregend, und heute war sie hier und morgen war sie da. Immer unterwegs. Keine Pause, denn der Fußball bewegte sich immer weiter, und sie bewegte ihn. Sie war ein Taktgeber.

„Sehen Sie, Herr Dembowski“, sagte sie.

„Aus Pannewitz hätte was werden können. Aber sein größter Gegner war der Kühlschrank. Er hat sich gehen lassen. Er hat immer wieder von einem Neuanfang geredet, aber er hat es nie geschafft. Er ist ein Versager.“

Kevin de Bruyne hielt Wu nicht für einen Versager.

„Wir werten das ja alles aus. Mehr Reichweite hatte in den letzten Monaten kein anderer Spieler der Bundesliga. Das ist natürlich großartig für den VfL Wolfsburg. In fast jedem Bericht fällt der Name Volkswagen. Das freut auch den Geldgeber. Die DFL wird erwähnt, der DFB. 73% aller Berichte sind positiver Natur, nur 2% haben eine negative Grundstimmung. Das ist gut für die Bundesliga. Es sind so viele wunderbare Sachen passiert. Aber natürlich, die Engländer laufen uns trotzdem davon.“

Dembowski trank Bier.

Es konnte immer schlimmer kommen. 

Hinter dem Altglienicker Tor wärmte sich Pannewitz auf. Die Gäste führten mittlerweile 2:0. Einige Empor-Fans sahen in Schiedsrichterin Katja Kurbelt die Hauptschuldige für die drohende Niederlage.

Wu sagte: „Für einen Season Opener haben die Verantwortlichen das Spiel nicht gut in Szene gesetzt. Das hätte man anders aufziehen müssen. Ich bin ein wenig enttäuscht. Nur der Pöbel schimpft wieder gegen den Schiedsrichter. Es ist schrecklich.“

Ein weiterer Becher rollte wie Tumbleweed in Richtung Spielfeld.

Auf der anderen Seite machte sich Kevin Pannewitz bereit.

„Kevin Pannewitz spielt Champions League auf PS3, die ganze Nacht, von 12 bis 8“, begrüßten ihn die Empor-Fans. In etwa zur gleichen Zeit unterzeichnet Mo Idrissou einen Vertrag beim Fünfligisten KFC Uerdingen.

„Nie wieder Bundesliga“, schallte es vom Sportheim rüber in Richtung Seitenlinie. Die Zuschauer rauchten, tranken und verhöhnten den ehemaligen Rostocker. Dieser trabte auf den Platz. Er positionierte sich an der Mittellinie.

Wu war erschüttert.

“Diese Bilder würden wir nie bringen”, sagte sie. „Zur neuen Bundesliga-Saison haben wir ein paar neue Übertragungsrichtlinien.“

Dembowski nickte pflichtbewusst. Er nahm einen großen Schluck Bier und feuerte den leeren Becher auf die Laufbahn. „Nie wieder Bundesliga!“

Auf dem Platz erhielt Pannewitz den Ball, kurz hinter der Mittellinie. Er blickte auf, spielten einen klaren Steilpass hinter die Empor-Verteidigung. Ein Mitspieler erlief ihn, legte in die Mitte. Atlglienicke führte 3:0. Ein paar Minuten später, nun im eigenen Strafraum, den man Box nannte, fand sich Pannewitz hilflos auf der Erde wieder. Sein Gegenspieler schob zum 1:3 Anschlußtreffer ein.

„Habe ich es doch gesagt. Der verschleudert sein Talent.“

Dembowski ging zum Bierstand.

Kurz vor Abpfiff, es stand mittlerweile 4:1, kehrte er zurück.

„Was haben Sie da gerade erzählt, Frau Wu?“

Er war bemüht, Distanz zu wahren. Er wollte mit dieser Frau keine Gemeinsamkeiten haben.

„Es gibt da einen Vergleich zwischen der Premier League und der Bundesliga. Welches Image transportieren die Ligen? Welche Bilder werden erzeugt? Wie werden diese angenommen? Die Bilder der englischen Liga sind durchweg positiv. Die Fans jubeln, die Fans springen, die Fans singen. Es ist der perfekte Fußball. Es ist das perfekte Fernseherlebnis. Positive Emotionen. Das lieben wir.“

Dembowski nickte pflichtbewusst. Er nahm einen großen Schluck Bier. Es konnte immer noch schlimmer kommen.

„Wir lieben Multikulti. Das lieben wir. Auch in der Bundesliga. Das wollen wir zeigen. Das sind die Bilder, die wir in die Welt transportieren wollen. Wir wollen keine trinkenden Fans mehr zeigen, wir wollen keine rauchenden Fans mehr zeigen. Wir wollen keine Fans mehr zeigen, die sich kaum noch auf den Beinen halten können.“

Dembowski steckte sich eine Kippe an. Er nahm einen großen Schluck Bier. Hinter ihm beschimpften ein paar Fans Schiedsrichterin Katja Kurbelt, die nun, es war die 89. Minute auf den Elfmeterpunkt zeigte. Einige Bierbecher flogen. Ein paar Fans, die es vom „Berlin Tag & Nacht“-Set noch rechtzeitig zur zweiten Halbzeit in den Jahnsportpark geschafften hatten, gestikulierten wild.

Wu fuhr fort.

„Wir lieben Tricks. Wir lieben den doppelten Übersteiger. Wir lieben aber auch die schöne Ballanahme aus der Luft. Wir lieben nicht nur die Trickwelt, sondern wir lieben die Schönheit des Spiels. Wir lieben Emotionen. Echte Emotionen. Aber wir lieben nicht den Fan, der den Mittelfinger zeigt. Die, die sich aufregen, haben links eine Zigarette in der Hand und rechts das Bier. Die Halsschlagader platzt. Das lieben wir nicht. Und das filmen wir nicht. Wir wollen ein positives Bild der Liga produzieren. Es geht raus in alle Länder dieser Welt. Der deutsche Fußballfan ist zivilisiert. Das wollen wir zeigen.“

Dembowski drückte seine Zigarette aus. Er nahm noch einen Schluck Bier. Mittlerweile konnte er sich nicht mehr auf den Beinen halten. Kevin Pannewitz verwandelte den Elfmeter zum 5:1 Endstand, Kurbelt beendete das Spiel. Ein paar Fans stürmten in Richtung Seitenlinie. 

Auf ein Selfie mit dem Star der sechsten Liga. 

Andere sangen: „Alle haben geschwitz, alle haben geschwitz, außer Kevin Pannewitz.“ Wu schüttelte den Kopf, und der ehemalige Rostocker wirkte zufrieden.

Dembowski beschloss, am Wochenende auf die Bilder des Saisonauftakts zu verzichten und reiste nach Dortmund. Der BVB besiegte Borussia Mönchengladbach mit 4:0. Es war ein wunderbares Spiel, aber auch nur das erste Spiel der Saison. Sie würde besser laufen als noch die Vorsaison, keine Frage. Das freute den Ermittler. 

Fußball war jetzt große Unterhaltung. Wer aus dem Raster der neuen Weltoffenheit fiel, der wurde ignoriert. Fußballfans waren keine Verbrecher mehr, sie tranken nicht einmal mehr Bier oder rauchten. Sie bejubelten die Stars auf dem Rasen. Und wer dort durch das Raster fiel, der fiel für eine lange, lange Zeit. Dembowski mochte keine Heldengeschichte. 

Freitag, 14. August 2015

dembowski tippt

1. FC Bayern München
Pep ist ein super, super Trainer. Vidal die Zukunft des deutschen Fußballs und deswegen holt der große, große Klub einen historischen Titel

2. Bayer Leverkusen
“Die andere Familie” mit einer starken Saison. Am Ende nur 19 Punkte hinter Bayern.

3. Borussia Dortmund
Das große Fressen ist vorbei, sagt Hummels und Mkhitaryan zaubert. Gegen Ende der Saison schwinden die Kräfte. Dafür gibt es den Europa-League-Titel.

4. Borussia Mönchengladbach
Trotz zahlreicher Abgänge (Mlapa, Marx, Younes, Blaswich, Brandenburger) spielt die Favre-Mannschaft eine okaye Saison und landet trotz krachender Auftaktniederlage und 0 Punkten in der CL-Gruppenphase in den Top 4.

5.VfL Wolfsburg
Anfang September steht Klaus Allofs mit ner Menge Kohle, aber ohne Kader da. Dafür ist der fünfte Platz wirklich noch akzeptabel.

6.Schalke 04
Breitenreiter bringt das HSV-Gen mit, Heldt stolpert über eine Ausstiegsklausel, der Prince bleibt doch. Und Schalke landet auf Platz 6. Im Europa League-Final unterliegen sie dem BVB mit 1:7.

7.VfB Stuttgart
Der Zorniger-Plan ist klar. Vorne muss die 5 stehen. Das magische Dreieck sorgt für Unterhaltung, die Abwehr auch. Das neue Werder Bremen.

8. FSV Mainz 05
9.TSG Hoffenheim
Beide Vereine sind eben da. Deswegen landen sie auch irgendwo

10. 1.FC Köln
Schmadtke, der beste Einkäufer aller Zeiten, ist immer noch nicht über den Wimmer-Transfer hinweg. Joselu! Joselu! Trotzdem wieder souverän zum Klassenerhalt.

11.SV Werder Bremen
Nerven nur noch. Weicheier, eigentlich müssten sie absteigen. Werden sie aber nicht.

12. FC Augsburg
Sind jetzt Big in Ghana, wird ihnen in der Bundesliga nicht mehr viel helfen. Diesmal noch dabei, 2017 geht es zurück ins Unterhaus.

13. Eintracht Frankfurt.
„Wir können die positive Überraschung der Saison werden“, sagt Torschützenkönig Alex Meier. Armin Veh hat sich eine fast komplett neue Mannschaft hingestellt. Hat aber ohnehin irgendwann kein Bock mehr. Platz 13 wäre positiv.

14. Hamburger SV
Ich finde die super. Diesmal auch ohne Relegation zum Klassenerhalt. Nur der HSV!

15. Hertha BSC
Die großen Langweiler verbrauchen wieder ein paar Trainer. Preetz hält sich. Pressesprecher Bohmbach schweigt. Und nach der EM das große Erwachen: Jürgen Klopp wird Trainer

16. FC Ingolstadt
Wollen zeigen, dass sie kein Plastikklub sind. Scheitern in der Relegation gegen Leipzig.

17. Hannover 96
Michael Frontzeck + Martin Kind = Abstieg

18. Darmstadt 98
Die knuffigste Mannschaft der Saison tritt in die nicht allzu großen Fußstapfen von Düsseldorf, Fürth, Braunschweig und Paderborn.

Mittwoch, 12. August 2015

am freitag nach münchen, der vorabend der neuen saison

Es muss weitergehen. Endlich wieder Fußball.

Was war eigentlich im Sommer passiert?

Hagenberg-Scholz hatte sich in der Sommerpause in einen Drohnenrausch gesteigert. In der Drohnenszene bedeutet der Name Justin Hagenberg-Scholz etwas. Berenice unterstützte ihn zumeist. Sie führten eine, wie man so gerne sagt, ruhige Ehe. Natürlich, sie konnte jederzeit kippen. Die Lebensgemeinschaft galt es ständig zu überprüfen. In seinem Job, der Forschung, machte er Fortschritte, ohne dass es ihn weiter interessierte.

Allein die Ankündigung der Sperrung der Bornholmer Brücke bereitet ihm Kopfzerbrechen. Klar, es war der perfekte Testfall. Niemand würde seine Drohnen bemerken, und so würde er jeden Bauabschnitt nicht nur dokumentieren können, denn, er lebte nun einmal in Berlin, nachträglich auch auswerten können. Fehler, da war er sich sicher, würde er reichlich finden.

Die Umleitung jedoch, das war sein Problem, führte direkte an seiner Haustür vorbei. 10.000 Autos. Jeden Tag. Dazu die LKWs. Zwar hatte die Stadt für Flüsterbeton gesorgt. Doch dieser würde den Lärm nicht auffangen können, und das Verschwinden des Kopfsteinpflasters erinnerte ihn an die Endlichkeit der Dinge.

Doch die Bundesliga mit all ihren technischen Fortschritten blieb sein Steckenpferd. Er versprach sich viel vom FOX-Deal. Die Amerikaner mit ihrem Hang zum Datenjournalismus könnten das Spiel auf ein neues Level heben, so seine Hoffnung.

Auch in der Sommerpause hatte er die neuesten Entwicklungen verfolgt. Er hatte Kontakte knüpfen, und einige Gleichgesinnte um sich scharen können. Sie gehörten mindestens der nationalen Bel Etage der Taktikanalyse an. Einige seiner neuen Freunde hatten sogar internationales Format. Darauf war er stolz. Aber was war schon Stolz gegen die Möglichkeit, stundenlang über die Entwicklungen des Fußballsports zu philosophieren.

Manchmal graute es ihm vor dem Beginn der eigentlichen Saison. Er würde wieder auf Fans treffen. Sie waren Teil des Spiels. Aber sie verstanden wenig.

Jetzt, da der Fußball zurück war, studierte er die Fachseiten. Er verbrachte seine Stunden im Netz. Wenn auch der BVB im Vermessungszeitalter angekommen war, was ihn natürlich freute, so machten ihn die Berichte über die neuen Methoden der Dortmunder stutzig.

„Es geht nicht um die Ernährung“, sagte er. Tuchel, da war er sich sicher, würde zwar Zeit brauchen, aber alleine die Beharrlichkeit auf die richtigen Pässe zu setzen, würde bereits im frühen September zu einer anderen, einer nahezu perfekten Spielanlage führen. Obwohl er sich zur Objektivität verpflichtet füllte, war Borussia Dortmund sein Verein. Der BVB war seine Heimat, das spürte er.

Zeit war der elementare Faktor.

Auch für Dembowski, der nach einem Sommer nahe der polnischen Grenze, nach Stunden mit Koi wieder in sein natürliches Revier zurückgekehrt war.

Stundenlang spazierte er durch sein Revier. Er grüßte, und er wurde gegrüßt. Sie hatten ihn nicht vermisst, aber nun war er wieder da und er war ein Teil von ihnen. Manchmal setzte er sich vor einen Spätkauf, sah den Bauarbeitern zu und wartete. Das war sein Geheimnis. Die Dinge auf sich zukommen lassen. Irgendwer würde ihn beauftragen, und er würde die Ermittlungen aufnehmen. Nun waren es genaugenommen eher selten echte Ermittlungen, meist blieben sie im Anfangsstadium stecken, oder aber es blieb bei einigen Fragestunden, bei einigen falschen Fährten. Das war seine Natur. „Für den Ermittler des Jahres wird es gerade noch reichen“, hatte er Dörte vor seinem Aufbruch nach Berlin auf die Frage nach seinen Plänen geantwortet. Kurzum: Er erwartet wenig.

Doch genau wie Hagenberg-Scholz trieb ihn die Vorfreude auf die neue Saison um. Borussia, auch da war er sich mit Justin einig, würde Zeit benötigen. Sechs erfolgreiche Jahre unter Klopp, die bleierne Schwere der letzten Saison, die immer deutlicher zutage tretenden Risse im Verein. All das würde Zeit benötigen. Und Biere. Viele Biere.


Die hatte Hauke Schill in den Sommermonaten nicht verkaufen können. Der Laden litt unter den Hitzewelle. Hin und wieder, wenn gerade mal wieder ein Gast vorbeischaute, klagte er sein Leid, und sonst schwieg er, saß auf der Empore und blickte hinunter in den leeren Raum seiner Kneipe. Er hatte sich keinen Lebenstraum erfüllt, sondern nur auf den fortschreitenden Zerfall seiner selbst reagiert.

Wenn es zu still wurde, wenn seine Gedanken ihn zu ersticken drohten, drückte er ein paar Lieder in die Jukebox. „Ich brauche dringend neue Songs“, dachte er dann und hörte zum hundersten Mal das Lied vom Kamener Kreuz, dort links vorbei und im Radio läuft HR3.  Die Schiffe und die Fische am Hafen. Danach Landungsbrücken raus.

Doch das war nicht seine Gegenwart, und nicht einmal mehr seine Vergangenheit. In Hamburg hatten sie ihn Hauke genannt, hier war er Schill, und hier war er der, der auf Baustellen schaute, die ihm sein Geschäft noch mehr versauten. An einem besonders verzweifelten Tag nahm er Berliner Weisse ins Programm. Am nächsten Tag lagen die Flasche in der Baugrube vor seiner Tür. Die wenigen Kunden hatten empfindlich reagiert.

Die Saison hatte nicht einmal begonnen, da war auch sein HSV bereits wieder die große Lachnummer der Liga. „Hört das denn nie auf?“ fragte er sich, während die Abwärtsspirale sich nach dem überraschenden Erfolg im für ihn so prestigeträchtigen Sponsorencup immer schneller zu drehen begann. Der Hamburger Boulevard zerfleischte den Dinosaurier weiterhin bei lebendigem Leib. Zum Glück war der HSV ein großes, erfahrenes Tier. Aber waren nicht alle Dinosaurier ausgestorben, würde somit nicht auch der HSV aussterben. Schill zweifelte. Noch mehr nach der Pleite im Pokal. Nichts hatte sich geändert.

Hier, denn Spielerberater Ridley Ferundula hatte sich in den letzten Wochen beinahe ausschließlich dem Geschäft gewidmet, setzt unsere Geschichte der Bundesligaspielzeit 2015/2016 ein.

Der BVB ist bereits in den Play-Offs der Europa-League, in Hamburg regiert das Chaos, Bayern München bereitet sich unter großer medialer Begleitung auf den Abgang des großen Pep Guardiolas vor, Kevin de Bruyne steht kurz vor seiner Rückkehr in die Premier League, die mit ihrer Finanzmacht die Überlegungen der Bundesliga-Bosse maßgeblich beeinflusst. Ihre Gier nach immer mehr Geld, nach immer mehr Anerkennung erntet zwar einige Proteste, aber trotzdem gelingen Transfers wie der des Hannoveraners Joselu.

In Gelsenkirchen verzweifelt Horst Heldt an Ausstiegsklauseln und Medizinchecks, doch immerhin wird ihm von allen Seiten eine perfekte Transferpolitik bescheinigt. Mit Geis ist ihm der Glücksgriff des Sommers gelungen. Olaf Thon, mittlerweile neben Huub Stevens und Ebbe Sand im Sportbeirat der Königsblauen aktiv, sieht im ehemaligen Mainzer sogar den neuen Maradona.

Kevin-Prince Boateng tingelt durch Europa. Wer wird ihm 10 Millionen bieten?

Die heimische Hertha, an dessen ehemaliger Spielstätte im Gesundbrunnen nun die von Justin so beklagten 10.000 Autos täglich vorbeibrettern, überzeugt bereits in der Vorbereitung mit alten Tugenden. Sie verschanzen sich, sie kommentieren ihre Entscheidungen nicht, und geraten im Rest des Landes bereits vor dem ersten Anpfiff in Vergessenheit. Einmal schreiben sie mit einem Trikotsponsordeal für ein paar Tage ein paar Schlagzeilen. Aber auch das ist bald vergessen. Als in Bielefeld ihr Bus von einem Motorradfahrer gezielt attackiert wird, sitzt die Mannschaft noch im Zug. Die Ermittlungen der Polizei verlaufen behäbig, und in eine eher zufällige Richtung.

Der VfB Stuttgart, hingegen, erwacht in der Sommerpause. Wenngleich es ihnen an einer Abwehr mangelt, reicht die Offensive um Kostic, Didavi und Ginczek für ein paar Träume. Mehr braucht es als Fußballfan nicht.

Nachden ersten Spielen erfahren wir auch wieder von den neuen Ausfällen der Fußballfans. Neue Attacken auf Leib und Leben. Fußballspiele sind nicht mehr sicher. So geht die Erzählung seit Jahren. In Osnabrück wird ein Pokalspiel abgebrochen, in Bielefeld eben auf den Berliner Mannschaftbus geschossen, die Berichte über Ausschreitungen häufen sich. Am Bahnhof, auf dem Stadionvorplatz, in der Stadt.

Es ist, wie so oft, die neue Qualität der Gewalt, die die Menschen erschrecken lässt. Es ist, wie so oft die mangelnde Qualität der Berichterstattung, die die Fans erschrecken lässt.

Dabei sind all diese Vorfälle nur eine weitere Variation der Verrohung der Gesellschaft. Was sich im restlichen Leben, über das wir hier soweit es nur geht den Mantel des Schweigens legen, abbildet, findet auch Einzug in den Fußball.

„Wie soll ich etwas respektieren, wenn ich keinen Respekt mehr habe?“

Das sind die ersten Worte, von Dembowski gesprochen, während die Kamera durch die Tür des Soldiner Ecks hineinzoomt. Wir sehen Schill, Hagenberg-Scholz und Dembowski gemeinsam an einem Tisch. In der Jukebox läuft türkischer Dub. Hauke Schill hatte doch noch ein paar neue Lieder besorgt. Ein fliegender Händler sie ihm auf die Nase gebunden.

Auf dem Fernseher über der Theke läuft der Sportnachrichtensender, auf dem gerade ein Reporter in Hamburg zugeschaltet ist. Er steht auf einer Wiese und deutet, denn wir hören seine Worte nicht, bedeutungsvoll in ein Gebüsch. Die Bauchbinde berichtet von einem neuerlichen Skandal in Hamburg: „#TShirtgate. Traditionsverein am Abgrund.“

Wir wissen nicht, worüber die drei Freunde reden, und als sie unsere Kamera sehen, beenden sie das Gespräch. Sie trinken Bier, sogar Justin hat sich überzeugen lassen. Es ist der Vorabend der Saison.

Hagenberg-Scholz wischt über sein Tablet. Die neuesten Prognosen sind da, und gerne würde er diese mit ihnen diskutieren. Doch nicht in diesem Jahr. Das hat er sich vorgenommen. Zu oft hatten sie ihn gedemütigt, zu oft hatte er das Ende des Abends nicht erlebt. Vielleicht kann er sie mit seinen Gedanken zu Ciro Immobile überzeugen?

Der hatte, um seinem neuen Arbeitgeber zu gefallen, in allen Einzelheiten über seine soziale Ausgrenzung während seiner Dortmunder Zeit geredet. Er hatte die taktischen Defizite Klopps offengelegt, der, davon war Hagenberg-Scholz überzeugt, nicht ohne Grund ohne Trainerposten in die neue Saison ging.

 „Klopp war ein Vollgasromantiker!“

„Wasn das jetzt schon wieder, Justin. Romantik und Vollgas. Nicht gerade dein Fachgebiet“, sagt Dembowski.

„Du weißt genau, was ich meine. Frag nicht so blöd. Er war ein Proll, und um sich herum hat er eine Bande von Prolls versammelt. Aber das Internet hat ihnen die Augen geöffnet. Da sind ein paar ganze wache Kerle dabei. Die lesen Spielverlagerung, die kennen ihren Goalimpact, die sind auf der Höhe. Das war Klopp nicht mehr. Aber auch egal. Darum geht es gar nicht.“

„Worum denn?“

Schill steht auf. „Nicht schon wieder“, denkt er. Im Fernsehen sieht er immer noch den Reporter, der sich nun einer virtuellen Choreographie bewegt. Pfeile, Kreise, Ausrufezeichen. Schill dreht den Fernseher lauter, sollen Dembowski und Hagenberg-Scholz doch ihre Borussia-Kämpfe austragen.

„Macht Ihr mal, ihr habt neun Sekunden, um von den Meisterschaft zu träumen.“

Hagenberg-Scholz versteht nicht. Er träumt nicht von der Meisterschaft. Das geben die Zahlen nicht her. Dembowski versteht, und lacht.

„Ey, Justin. Worum geht es dann? Lass Dir von Schill nix erzählen. Der trägt ein Rucksack voller Probleme mit sich rum.“

Justin will jetzt nicht mehr verstehen. Er will über Immobile reden. Über die Ausgrenzung, die dieser erfahren hatte, über die Reaktion von Michael Zorc, der das alles nur noch zum Kotzen fand, und über die einiger seiner Netzbekanntschaften.

„Das ist nur noch zum Kotzen. Zorc verteidigt sein schlechtes Scouting, die Milchbubis im Netz schreien ihre Meinung in die Welt. Weil jemand Geld kostet, muss er nicht gleich funktionieren. Weil jemand Geld kostet, muss man ihn nicht ausstoßen. Er ist ein Mensch. Er möchte Teil einer Gemeinschaft sein.“

„Wir alle möchten Teil einer Gemeinschaft sein, Justin. Deswegen sind wir Fußballfans.“

„Vielleicht ist er das auch. Aber die Milchbubis kommen nicht drüber hinweg, dass es nicht funktioniert hat. Es lag nicht an Ciro. Alle Daten zeigen das. Es lag an Klopp, der ihn falsch einsetzte, der ihm die Laufwege nicht erklärte, der immer nur Vollgas geben wollte, der die Bälle lang in die Spitze wollte. Dieses Bluthundsystem hat sich überlebt. Das hat Klopp nicht verstanden. Es lag aber auch an Hummels, der mehr mit seinem Privatleben beschäftigt war, als der Mannschaft ein guter Kapitän zu sein. Frustessen, das kannste doch keinem erzählen. Ihn hat es schlichtweg nicht interessiert. Jetzt treten sie alle nach.“

„Justin? Alles klar. Was erzählst Du da? Und wieso interessiert Dich das? Wir stehen vor einer neuen Saison. Wir könnten über alles reden, aber müssen wir darüber reden?“

„Dembowski, Du hast das noch nie verstanden. Für Dich geht es nur um Bier, um Bespassung, um zynische, menschenverachtende Kommentare. Mir geht es um das Spiel. Um den Positionskampf, und was es dafür braucht. Ich habe mich weitergebildet. Und Du?“

„Naja, ich war auf der Lamafarm. Es war Sommer.“

Schill steht noch immer vor dem Fernseher. Der Reporter interviewt jetzt einige Schornsteinfeger, kurz danach gibt es eine Schalte zum Chefredakteur der Sport Bild.

„Ich halte das nicht mehr aus.“

Hagenberg-Scholz lacht.

„Am Freitag geht es nach München.“

Da spaziert Ridley Ferundula durch die Tür. Er strahlt.