Donnerstag, 3. Juli 2014

neues aus campo dembowski: per mertesacker ist ein leader

Als ich vor der WM mal wieder mit dem Prince zusammensaß, war er voller Sorge. Deutschland, erzählte er mir und tags drauf vollmundig in jede Kamera, hat kein Leader, hat niemanden, der das Ruder rumreißt, der in den wirklich wichtige Momenten da ist.

„Prince, bist Du ein Leader? Wärst Du so ein Leader für die Nationalmannschaft?“

Er schaute mich an, so wie er mich immer anschaute. Und lächelte.

„Dembo, ich habe wirklich keine Zeit darüber nachzudenken.“

Doch natürlich. Die Frage schmeichelte ihm. Er sah sich als Leader, und so würde er jetzt eben Ghana anführen. Sie hatten ihn nicht gewollt, und er hatte seine Entscheidung getroffen. Er war ein Sturkopf,  und viel zu oft hatten sie ihn gegen die Wand laufen lassen.

Klar, in Ghana wollten sie auch den Titel, und sie würden ihn nicht holen. Aber das konnte er weglächeln. Ein paar gute Leistungen, ein Weiterkommen in der Gruppe, es hätte der Sehnsucht genügt.

Diesen Tag im Mai saßen wir noch ein wenig zusammen. Und irgendwann trennten sich unsere Wege. Er fuhr bald zu seiner Nationalmannschaft, die sich in den Niederlanden auf die WM vorbereitete. Ich fuhr zurück in den Soldiner Kiez, Rabea übernahm die Lamafarm, ich ging ins Campo Dembowski.

Dann begann die WM, der Prince spielte erst nicht, flog dann raus, und alles war chaotisch und schwer zu ertragen. Mir gegenüber erwähnte er es nur am Rande, aber ich war ohnehin mit tausend anderen Dingen beschäftigt.

Doch brach ich die tausend Dinge runter auf den kleinsten gemeinsamen Nenner, kam ich auf „Meckern“. Mir passte dies nicht, und mir passte das nicht. Ich klagte über den durchinszenierten Mario Götze, fragte mich, was zum Teufel Johann Ramoser damals wirklich ermittelt hatte (und ob das nicht genau mein Job gewesen wäre), und kritisierte Löw für seinen Plan (und entwarf einen Fragenkatalog mit „20 Fragen, die man sich im Campo Bahia nicht zu fragen traut“, unter Punkt 1 notierte ich: „Wieso ist Kevin Großkreutz keine Option als Einwechselspieler oder für die Startelf?“ Löws nebulöse Antwort notierte ich gleich mit: "Weil er einen Fehler gemacht hat").

Das war noch nicht alles, und klar, ich hatte den Aufstand der Eingeborenen rund ums Campo Dembowski niedergeschlagen, und Antoine sogar den Ausgang der Partie Brasilien gegen Chile vorhergesagt. Dafür gab es Applaus, hätte es Applaus gegeben. Antoine, wahrscheinlich von den Eingeborenen verschreckt, verschwand. Kam nicht zurück. Ich war wieder allein.

Und zwar setzte ich mich manchmal noch früh morgens unter die Eiche, hörte den Kraninchen zu und entspannte, aber ich kam nicht mehr runter. Ich war der Zorn, und dadurch unbeholfen. Angreifbar. Einmal, am Sonntag, zündete ich das Campo an. Die Einheimischen löschten es. Ich trank. Und starrte auf rußverschmierte Wände. Am Sonntag gab es keine WM für mich.

Tags drauf saß ich bereits gegen 10 Uhr auf der Veranda, Stift und Zettel in der Hand. Überschrift:

„Komm mir nicht mit Deinen Verschwörungstheorien – alles was sie wirklich interessiert sind Titel und ihre Frisuren!“
  1. Joachim Löw ignoriert alle Dortmunder. Er sieht in Jürgen Klopp seinen Gegenspieler. Nur bei Hummels geht das nicht, weil Cathy Fischer für die Bild schreibt.
  2. Er argumentiert mit dem Leistungsprinzip, und schafft es de facto ab.
  3. Löw mag den FC Bayern nicht. und lässt deren Spieler übermüdet in die neue Saison gehen.
  4. Löw ignoriert auch alle St.Paulianer. Und er kommt damit SEIT JAHREN durch.
  5. Sind Löw, Flick und Bierhoff Reptiloiden.
  6. Mario Götze ist zu dick!
  7. Löw bevorzugt Spieler aus dem Südwesten Deutschlands.
  8. Der Autounfall in Südtirol war geplant. Ein unliebsamer Zeuge wurde aus dem Weg geräumt. 

Diese Dinge eben. Die Liste wurde länger und länger. Es war ein guter Zeitvertreib. Am Ende jeder Seite fügte ich ein „wer högschde Konzentration schreibt oder sagt und nicht Löw heißt, ist nicht einmal mehr Verschwörungstheoretiker, sondern ist fortan zu ignorieren“ hinzu.

Dann erkrankte Hummels und Mustafi spielte. Genau das hatte ich vorher unter Punkt 2 meines Fragenkatalogs formuliert. „Warum wird Mustafi vor Kevin Großkreutz aufs Spielfeld geschickt. Was hat Kevin getan?“ Dahinter hatte ich „den zweiten Satz laut schreien!!!!!1111“ notiert.

Diese WM machte mich noch verrückt, ich legte Zettel und Stift beiseite. Schaute mir erst Frankreich gegen Nigeria, dann noch einmal Kolumbien gegen Uruguay an. Eigentlich nur das James Rodriguez-Tor. Er war 22. So wie Götze. Aber er war jetzt ein Weltstar, und Götze bemitleidete oder verspottete man, je nachdem wie es gerade beliebte.  

Ich dachte wieder an den Prince, den Ghana-Leader, mit seiner recht eigenwilligen Interpretation. Die Leader-Debatte wurde in Deutschland längst nicht mehr geführt. Die WM hatte alles und jeden eingesogen, was im Mai war, konnte man jetzt im späten Juni, im frühen Juli nicht mehr wissen. Warum war Johann Ramoser eigentlich noch einmal auf der Pressekonferenz (und wo war MH370)? War Suarez noch Fußballer oder schon Comicfigur oder bereits bei Liverpool? Hat das Spiel Elfenbeinküste gegen Japan überhaupt stattgefunden. War Beckenbauer noch suspendiert, oder bereits FIFA-Präsident? Was hatte Theo Zwanziger noch einmal gesagt und wo waren die Proteste?

Und ich dachte da noch nicht an Syrien, die Ukraine, Edathy, die NSA, die NSU, Snowden, Ägypten, den Sudan, die Montagsdemos, Markus Lanz, die Krautreporter, das Transatlantische Freihandelsabkommen, Mali, Burger King und all die andere Themen, die irgendwann mal jemanden zu einer Online-Petition getrieben hatten. „Eines Tages, Baby, werden wir alt sein“, hatte Julia Engelmann geslamt und irgendwer hatte gejubelt, doch er konnte sich nicht mehr erinnern. Denn er lebte ja und tat all diese verrückten Dinge. 

Ich meckerte.

Aber ich dachte auch wieder an den Prince. Den Ghana-Leader, der jetzt im Holiday Mode war, wie er nicht nur mir, sondern gleich der ganzen Welt schrieb. Langsam ging die Sonne hinter dem Campo Dembowski unter. Deutschland gegen Algerien begann.

Das Spiel endete 2:1 nach Verlängerung. Es war ein harter Kampf. Und Skohdran Mustafi hatte seine Sache wahlweise gut oder schlecht gemacht, sich aber in jedem Fall verletzt. Er war nicht mehr dabei, und Lahm, der bei dieser WM zutiefst enttäuschte, weil er auf einmal so gewöhnlich wirkte, riss irgendwann, da spielte er bereits auf der Rechtsverteidigerposition, einen Algerier zu Boden, er zog ihm dabei fast die Hose aus. Ein so gewöhnliches Foul. Es war eines Lahms nicht würdig, auch wenn es in dieser Situation eventuell sogar angemessen war.

Deutschland gewann also, auch weil Manuel Neuer einen dieser Tage erwischte. Nicht einen dieser Tage erwischt hatte fast der gesamte Rest der Mannschaft. Götze wurde ausgewechselt, und schon bald darauf für seine Arroganz angeklagt, Löw redete sich um Kopf und Kragen.

Per Mertesacker aber stellte sich vor die Mannschaft, schützte sie vor der nun vollkommen zurecht auf die Nationalmannschaft einprasselnde Kritik. Was das überhaupt für eine Frage sei, und so weiter und so fort. Mertesacker ärgerte sich. Mertesacker ließ nichts auf die Mannschaft kommen. Dabei zog er die Diskussion auf sich. In seinen Arsenal-Jahren war er gereift. Die Kritik würde an ihm abperlen. Und den Weg frei machen für eine neue Diskussion.

Welchen Fußball wollen wir eigentlich?

Das war jetzt die Frage. Und darüber ließ es sich in der Tat diskutieren. Das Campo Dembowski wollte sicher einen anderen Fußball als die Nerds von Spielverlagerung, und die Einheimischen rund ums Campo Dembowski wollten einen anderen Fußball als die Leute von der Südtribüne. 

Mit seinem Zorn, mit seinem Ärger, dadurch, dass er sich vor die Mannschaft gestellt hatte, löst er etwas aus. Philipp Lahm, in Positionsdiskussionen verstrickt, hatte dies schon länger nicht mehr getan.


Ich nahm einen neuen Zettel und schrieb in großen Lettern.

Per Mertesacker ist ein Leader! 

(damit ich mich erinnerte)

Samstag, 28. Juni 2014

neues aus campo dembowski: publikumstag im campo

„Deutschland! Deutschland! Und jetzt alle! Deutschland! Deutschland!“ Mitte der ersten Halbzeit im Spiel gegen die USA stand es zwar noch 0-0, doch die Einheimischen störte all das nicht. Sie saßen vor einem Fernseher, den jemand auf die Sandstraßen rund um das Campo Dembowski geschleppt hatte.

Ich saß ganz hinten. Antoine hatte das Kabel meines Fernsehers durchgebissen, mich dabei stolz angeblickt und war danach triumphierend abgezogen. Das war um 17.45 Uhr. Jetzt also die Sandstraßen rund um das Campo Dembowski. Jetzt also die Einheimischen, die mir so feindlich gesinnt waren. Sie schrien, und sie diskutierten, sie verzweifelten an Mesut Özil, dem Türken, der nie etwas reißt, und schimpften über Höwedes. Immerhin da konnte ich mit einstimmen, doch ich ging unter.

So saß ich da, und hörte sie, und im Grunde war mir mittlerweile alles egal. Die letzten Vorrundenspiele, die Pause, Campo Dembowski lief auf Grund. Ich hatte zu viel getrunken, ich hatte zu viele Zeitungen gekauft, nur um sie dann doch nicht zu lesen, ich hatte zu viel gegessen, und überhaupt zu viel ausgegeben. Kurzum: Ich war pleite. Heute kann ich mir noch mein Bier leisten, aber morgen bereits ist es vorbei, dachte ich und sah betrübt auf den Bildschirm.

Deutschland kontrollierte das Spiel, und Klinsmann, der „Verräter“, wie er hier unisono genannt wurde, stand dort und blickte melancholisch auf seine Vergangenheit. „Der ist einfach abgehauen!“ „Heute sieht er Sterne!“ „Der ist doch nen Scientologe!“ „Wäre er nur Bäcker geblieben“

Über uns kreisten ein paar Schwalben.

Es regnete.

Wir wurden nass und ich stand auf noch bevor die zweite Halbzeit beginnen konnte. Ich hielt es nicht mehr aus. Und versuchte Dörte zu erreichen. Irgendwann gelang es mir, und ich ärgerte mich lauthals. „Rabea hat immer noch nichts bezahlt. Die Sender lassen mich im Stich. Ich hatte mir das wirklich anders vorgestellt. Es ist einfach scheiße. Die Eingeborenen saufen, und grölen. Ich saufe und leide. Jeden verdammten Tag rufe ich da an, und irgendwer vom Sender meint, dass ich mir endlich mal was einfallen lassen muss. Sie sagen mir: Dembowski, Dein Campo ist wirklich nichts Besonderes mehr. Niemand will einen versoffenen, gefallenen Ex-Ermittler sehen, dessen Zeitung vor mittelmäßig nur so strotzt, und der vor der Kamera unentwegt Verschwörungstheorien von sich gibt, auf die Konstrukteure hinweist, und dessen Lebensweisheiten aus Steinwerdungen bestehen.“

„Dietfried“, sagte Dörte, die mich eigentlich nie Dietfried, sondern immer nur Dembo nannte „nicht sauer sein jetzt: Sie haben Recht! Du nervst. Sogar mich. Woher hast Du nur all Deinen Hass! Lad doch mal ein paar Freunde ein“

„Freunde?“ schnaubte ich. „Mein bester Freund ist ein Karpfen und mein letzter Freund war ein Eichhörnchen namens Antoine, aber der ist auch weg. Kabel durchgebissen, Antoine weg! Ich habe keine Freunde.“

„Thomas Müller, Fußballgott!“

Er hatte wieder getroffen, so viel war klar. „Dem dummen Ami die Fresse poliert!“ Ich konnte sie hören, ohne sie zu hören. Sie waren alle gleich. Vielleicht hatte der Prince mit seinem „Fuck You“ doch Recht gehabt. „All!“ schrie ich zurück, da hatte Dörte längst aufgelegt.

Ich schrie „all“ und hatte niemanden. Dörte sagte „Freunde“, und um mich herum sah ich nur Feinde.

Es regnete.

Die Schwalben hatten sich verzogen.

Deutschland gewann 1-0.

Draußen torkelten die Eingeborenen in ihre Löcher zurück.

Ich war pleite, und ohne Ideen.


Ich fand die alte Alpo Myller 7“ und war wieder im Unterwasseraquarium. Sah denen Fisch durch die Panzerglasscheibe zu. Sie zogen wie die verschenkten Jahre meines Lebens an mir vorbei. Ich konnte sie sehen, aber nicht berühren. Enon Disko! Die Orgel. Die Vergangenheit. Ich legte den Kopf in den Nacken und blickte hoch. Über mir die Wolken. Der Regen. Langsam glitt ich nach hinten. Ein Graureiher stieg auf während ich fiel.

Als ich wieder zu mir kam, hatte Algerien den russischen Bären bereits enthauptet, wie ich am Folgetag erst der Lokalzeitung entnehmen konnte. Es war Fußball, es war Krieg, es blieb nationalistische Scheiße!

Aus der Hütte drang die Moldau zu mir hinab. Das hatte ich nicht aufgelegt. Ich rannte. Die Wunde unter meinem Fuß schmerzte. Ich war kein Stein mehr. Ich war nicht mehr die Eiche, an der ich lehnte.

Antoine drehte sich auf der alten Karajan-Einspielung.  Schaute mich mit fröhliche Augen an, und sprang mit einer dramatischen Pirouette vom Plattenspieler. In der Ecke lagen ein paar Nüsse, er hatte Fahnen zurecht gelegt. Mit einmal war alles klar. Antoine würde mich retten.

Am nächsten Tag trommelte ich die Eingeborenen zusammen. Sie hingen lethargisch in ihren Klappstühlen, und zappten hilflos durch die Kanäle. „Kein Fußball!“ „Den Faschisten!“, schrie ich. „Du schon wieder. Hau ab, Gammler!“ Ich ließ mich nicht beirren.  Und erzählte ihnen von Antoine, aus der Stadt rollten derweilen die Trucks der Sendeanstalten vorbei.

Der Publikumstag im Campo Dembowski wurde ein voller Erfolg. Ich führte sie über das Gelände, erklärte Ulli Zelle die Besonderheiten des Erdkrötenschutzgebietes, welches ich nach den wiederholten Attacken der Ringelnattern eingerichtet hatte. „Eine Ringelnatter“, dozierte ich „ist für eine Erdkröte ähnlich gefährlich wie eine Klapperschlange für den Menschen.“ Zelle nickte. „Eine Ringelnatter hat der Rote Milan geholt.“ Zelle nickte.

Später spielte er groß auf. Und die Eingeborenen wippten im Takt der Musik. Dörte, die mit „Du hast doch Freunde!“-Schreien herbeigeilt war, servierte frische Erdbeeren und zapfte so viele Biere, das ich mich kaum noch auf den Beinen halten konnte  als Antoine zu den Klängen des slowakischen Staatsorchesters Brasilien wählte. Die Menge jubelte.

Später sah ich mich auf RTL Explosiv und bei Leute Heute. „Das Campo Dembowski ist der letzte Schrei. Ein Must-Be-Go, während der WM. Wir stellen den freundlichen Betreiber Dietfried Dembowski vor. Er ist der Gewinner des Tages.“ Ich hatte einen Strohhut auf, und sah glücklich aus.


Donnerstag, 26. Juni 2014

neues aus campo dembowski: gammler, zen und gartenzwerge

„Du musst mir helfen“, bellte er durchs Telefon. Ich hatte ihn nach seinem Wechsel beinahe vergessen und wenn wir uns auch hin- und wieder noch begegneten, jetzt war WM, jetzt war Campo Dembowski. Der Ghana-Kick war gelaufen. Auch da hatte er enttäuscht.

Die letzten Tage waren ruhig verlaufen. Ein wenig Fußball, weil Fußball lief. Die großen Sensationen blieben aus. Griechenland spielte wie immer, die Elfenbeinküste spielte wie immer. Eine Mannschaft kam weiter, die andere schied aus.  Pirlo ging (und kam später zurück), eine ganze Generation großartiger Fußballer ging (und kam nicht mehr zurück, denn die Zeit wartet auf niemand), Suarez biss zu (und eine ganze Welt übte sich in kollektiven Scherzen), Ottmar blieb (und würde bald gehen), Messi traf und Frankreich schlug. Die WM-Sendungen im Fernsehen waren weiterhin schwer zu ertragen.

Im Regen saß ich unter dem Baum, auf dem weiten Feld, unweit des Campo Dembowskis. Ich trug meine Tennisschuhe, die Dörte mir dereinst geschenkt hatte. Mein Strohhut hing tief in meinem Gesicht. Ich vernahm das Prasseln des Regens, sah die dunklen Wolken und unter ihnen Antoine von Ast zu Ast springen.

Ich war bereit wie nie.

Ich saß unter dem Baum und beobachte die Stille. Langsam breitete sie sich in meinem Kopf aus. Ich war die Eiche, an der ich lehnte und ich war die Wolke, die sich mit einem gewaltigen Donnerschlag entlud. Es war egal, ob ich in einer Kneipe saß, oder ob ich unter der Eiche saß. Es war beschissen, es war gut, es war egal. Es war überall gleich. Es war überall die große Leere. Immerhin, dachte ich, während sich die Stille ausweitete, ist Antoine bei mir.

Danach war ich ruhig, danach passierte nichts mehr.  Bis die Sonne kam, Antoine nervös wurde. Ich strich mir die Haare aus dem Gesicht, stand auf und lief zurück in Richtung Campo Dembowski. Einmal trat ich auf einen spitzen Ast, der sich durch meine Tennisschuhe bohrte, doch ich spürte keinen Schmerz mehr und bemerkte das Blut nicht, das durch meine Schuhe sickerte.

Mit gut 100 Metern Abstand sprang Antoine hinter mir in Richtung der Sandstraßen. Er war mir ein guter Begleiter geworden, und ich gab wenig auf die schimpfenden Eingeborenen. „Jetzt hat der Gammler noch ein Eichhörnchen“, flüsterten sie laut, und hofften auf eine Reaktion. Doch ich war ruhig, ich spürte nichts mehr, ich war die Eiche, an der ich gelehnt hatte, und ich war die Wolke, die sich über mir entladen hatte.

Sie eilten an ihre Zäune, ein Putztuch, mit dem sie ihrem Deutschland-Gartenzwerg den letzten Schliff verliehen hatte, um mich zu beschimpfen, doch ich ging weiter, öffnete das Tor zum Campo und war wieder allein als das Telefon klingelte.

„Du musst mir helfen!“ bellte Kevin durchs Telefon. Es musste bei ihm noch in der Nacht sein. Er erzählte mir die ganze Geschichte des großen Missverständnisses. „Ich weiß, ich habe Dich enttäuscht, aber ich habe Dich bezahlt. Ganz ehrlich. Ich halte es hier nicht mehr aus.“
Er war nervös. Erst hatte er nicht spielen dürfen, dann war er in ein taktisches Korsett gepresst worden. Es hatte ihm nicht behagt. Er war ein reiner 8er, doch diese Position gab es nicht. Dann die Sache mit der Kohle,  und all der Hass, der ihm als Deutschen entgegenschlug.

„Dembowski, ich habe keine Heimat mehr“, erzählte er mir und aus seiner Stimme klangt die Wut, die Trauer und der Schmerz. „Komm nach Hause, Junge“, sagte ich ihm. Wir unterhielten uns noch eine Weile, ich erzählte ihm von der Kolo und der Gleichgültigkeit, er erzählte mir von seinen neuesten Tattoos und ich von Antoine, und ich sah ihn lachend unter an der Ecke Panskstraße stehen. Diese Welt war nicht für uns gemacht. Aber immerhin hatte ich eine Heimat.



Er schrie „Fuck Off, Dembowski!“ Dann wurde es wieder still. Ich legte eine alte Timesbold-Single auf.
Let me ask you one question / is your money that good / will it buy you forgiveness / do you think that it could /I think you will find / when your death takes its toll / all the money you made / will never buy back your soul.
Antoine sprang über den Boden. Seine Füße waren nass.

Muntari und Boateng verließen die WM.

In Recife regnete es.