Montag, 24. November 2014

die iden des märz

Als die Dortmunder-Saison innerhalb von nur zwanzig Minuten endgültig zusammenbrach, nahm Schill Dembowski in den Arm. „Es ist nur ein Spiel, und Du nur der Beobachter“, sagte er und doch drangen die Worte nicht durch.

2-0 zur Halbzeit. Eine klare Geschichte in Ostwestfalen. Hätte man sagen können. Aber dann kollabierte der BVB, und eine ganze Ära schickte sich an, endgültig ihren Platz in den Geschichtsbüchern zu finden. Sie war nun abgeschlossen. Die Klopp-Jahre rasten auf ihr Ende zu. Das spürte Dembowski. Das sah Schill ihm an. Sie waren mit Vollgasveranstaltungen aufgebrochen, sie waren die Young Guns, und sie waren das heißeste Team Europas. Die Welt lag ihnen zu Füßen. Dachten sie. Und rieben sich auf. Und scheiterten an ihren eigenen Erwartungen.

Es war kein überraschender Absturz. Bereits im März 2012 hatte der BVB das Ende der Unschuld eingeläutet. Als die Dortmunder noch Richtung Double stürmten, mussten sie die Weichen für die Zukunft stellen, dabei aber auch das Ende vom Anfang herbeirufen. Damals hatte Götze verlängert, und Reus stand kurz vor seiner Dortmund-Rückkehr.

„Da habe ich zum ersten Mal Angst bekommen. Wir haben das sichere Ufer verlassen, und uns auf den Zweikampf auf offener See eingelassen“, erzählte Dembowski in den Armen von Schill liegend. „Obwohl wir schon einmal an ihnen zerschellt waren, sind wir direkt auf die so drohenden Klippen Großmannssucht und Größenwahn zugeschippert, dahinter standen sie und lauerten.“

Sie, das waren die Bayern, die nur ein Jahr später Götze für 37 Millionen Euro verpflichtet hatten. Die Legende wollte es nun so, dass dies eben die Bedingungen waren und die Geschichte zeigte, dass der BVB mit Götze im Champions-League-Finale stand. Und sich, wieder ein Jahr später, mit Lewandowski für die Champions League qualifiziert hatte. Jetzt jedoch zahlten die Dortmunder den Preis. Und dieser war verdammt hoch. 

„Vielleicht hätte Borussia den Leuchtturm näher am Hafen bauen sollen?“ fragte Dembowski laut. Und antwortete: „Wie denn? Sie mussten so handeln“

Fußball war ein überhitztes Geschäft und niemand zog sich freiwillig zurück, niemand trat beiseite und sicherte sein Gebiet frühzeitig. Es gab nur ein Weg und der musste an der Spitze enden. Natürlich war Spitze nicht gleichbedeutend mit Meisterschaft, und Vereinsfunktionäre sprachen meist über das Lauern auf die Fehler, über das Ergreifen der Chance in genau diesem Moment. „Dann müssen wir da sein“, sagten sie und meinten „wir sind ein logischer Kandidat für einen der Champions-League-Plätze.“

Mit großer Bewunderung hatte der Rest Deutschlands, und mit noch viel größerer Bewunderung hatte Europa das Dortmunder Märchen verfolgt. Doch das war nicht mehr als eine kurze Rückkehr der alten Fußball-Romantik gewesen, die sich noch einmal erhoben hatte, und der mit dem Doublegewinn 2012 die Luft ausgegangen war. Die jetzt endgültig gescheitert war, niemals zurückkommen würde. 

Schill. So mittelmäßig DerSamstag! auch war. Ich erinnere mich, was ich damals über die Götze-Verlängerung geschrieben habe“, sagte Dembowski und zitierte als er hätte es gerade erst niedergeschrieben.

„Es ist das Ende der Unschuld! Es ist das Ende der immerhin fast zwei Spielzeiten dauernden Vorstellung von der Aushebelung der Naturgesetze! Erst war die Spielfreude, dann waren die Vollgasveranstaltungen und dann kam das Geld! Es verändert den Blickwinkel. Das Ende der Unschuld! Der Zwang, um Titel mitzuspielen. Es sind gute Nachrichten, die der Verein da verkündet. Es sind aber vor allen Dingen Nachrichten, die nachdenklich stimmen. Der Verein geht den Weg konsequent weiter. Er darf jedoch niemals den März 2005 vergessen!“

Natürlich, so schränkte Dembowski ein, hatte Borussia Dortmund das Jahr 2005 nicht vergessen, und natürlich war der Verein in den Jahren nach 2012 noch einmal einen großen Schritt gegangen. Er war jetzt schuldenfrei, aber nicht länger frei in seinen Entscheidungen.

Getrieben von der aggressiven Transferpolitik der Bayern, der Vision des zweiten Leuchtturms, und der fortschreitenden Kommerzialisierung des Fußballs waren sie in eine Falle geraten, aus der sich kaum noch befreien konnten. Der Verein kämpfte an zu vielen Fronten, wie in der sportlichen Krise nun offensichtlich wurde.

„Wir lassen uns von den immerwährenden Transfergerüchten treiben. Sahin, Kagawa, Götze, Lewandowski, Gündogan, Hummels, Reus und jetzt auch noch Klopp. Der das auch noch befeuert. Wir lachen und machen uns trotzdem Sorgen. Denn wir sind zu oft enttäuscht worden, und wir wissen, wie sich Verluste anfühlen“, versuchte Dembowski eine Erklärung. Der krisenerprobte HSV-Fan Schill hatte ihn drum gebeten.

„Und so sehr sich die Spieler hinstellen, und behaupten, sich davon nicht beeinflussen zu lassen, so sehr schmerzt es uns doch, dass sie sich am Ende immer gegen den BVB entschieden haben. Der Verein hat auch keine Lösung. Die Wiederbelebungsversuche der Romantik sind bei Sahin schon gescheitert, und waren spätestens bei Kagawa rein geschäftlicher Natur. Der Wechsel war in erster Linie ein Marketinginstrument. Aber, und da komme ich nun einem weiteren Punkt, das wollte niemand registrieren.

Eine Verblendung. Nur eine weitere Verblendung. Dazu wurden reihenweise Spieler aus anderen Ligen verpflichtet, und dazu drehte sie den Mythos weiter. Beim BVB braucht jeder Spieler mindestens ein Jahr. Erst dann ist er angekommen. Ich kann es nicht mehr hören. Wieder eine dieser Geschichten, fast schon auf einer Stufe mit der Echten Liebe, die es so nur in Dortmund gibt.“

„Aber ihr verkauft euch in der Krise doch recht anständig!“

„Die Bremer unter Schaaf auch. Geholfen hat es nichts. Schau Dir doch an, was mit denen passiert ist.“

„Aber das ist doch perfekt. Bremen gehört in die zweite Liga. Haben die schon immer gehört.“

„Sie waren jedoch einmal oben dran, und sie haben ihren Patronen verfeuert, sich dabei mit jedem Schuss weiter von der Spitze entfernt. Özil und Mertesacker haben Bremen dann das Genick gebrochen.“

„Stimmt.“

Schill schob Dembowski noch ein Pils rüber. Mittlerweile hat sich Hagenberg-Scholz zu ihnen gesellt und widersprach dem Ermittler. „Es sind die Medien, die mit ihren Halbwahrheiten Unruhe in den Verein tragen. Es sind die Medien, die das Duell Borussia gegen Bayern zum German Clasico hochgejazzt haben und es sind die Medien, die das Spiel zerstört haben.“

Aber Schill und Dembowski nahmen den einsamen Rufer nicht wahr, sie waren Hagenberg-Scholz leid. „Die Medien, das Kapital, der moderne Fußball! Geh Südkurve!“ brüllte ihn Schill an und der Zugezogene trollte sich, nicht ohne den beiden Freunden ein "ihr Idioten" und einen Mittelfinger als Erinnerung dazulassen. 

„Und dann hast Du so Typen wie Hagenberg-Scholz, die die Schuld auf äußere Faktoren laden, die wie schon vor 2005 direkt in Richtung Untergang steuern. Und jeder bekommt seine Plattform, und jeder darf etwas sagen, und jeder weiß es besser.“

„So wie Du, Dembowski! Und jetzt hör mal auf. Dein Weltschmerz ist kaum noch zu ertragen.“

„Die Klopp-Jahre zerfallen zu Staub, Schill. Ich glaube nicht mehr an eine Wende. Ich glaube auch nicht mehr daran, dass der BVB im nächsten Jahr wieder da ist. Noch einmal Champions League, noch einmal alles mitnehmen und dann werden wir verschwinden. Zurück auf Los. Aber es war gut, solange es dauerte. Es war gut. Wirklich. Ich war nie glücklicher. Aber ich habe es kommen sehen, und ich habe es nicht stoppen können. Ich habe versagt, Schill!“ 

"Die Bundesliga ist tot, Dembowski. Und nicht nur die. Akzeptiere das!" 

Dienstag, 18. November 2014

der lange, kalte winter

So langsam ging es bergauf.

Der Zweifel, vom Dembowski seit jeher gesät, übertrug sich langsam auf die Beobachter. Es hatte den großen Knall gebraucht, das FIFA-Urteil, und es hatte die Marketingmaschine des DFB ebenso benötigt. Was ist noch echt, was kann man noch glauben? Das waren die Fragen, mit denen sich der Fußball im ausgehenden Jahr 2014 beschäftigte. Die Wand war mittlerweile nahe, und trotzdem drückten die Verantwortlichen weiter aufs Gas. Sie sahen sie, und erwarteten, dass sie sich wie von Geisterhand öffnen würde.

Natürlich: Sie hatten ihre Schlüssel dabei. Universalschlüssel für alle Probleme, wie sie stets betonten. Doch auch hier mehrten sich die Zweifel, die in Momenten der Klarheit ausgesprochen wurden. „Wir sind Teil der Unterhaltungsindustrie“, hatte Thomas Müller nach einem Champions League-Spiel in Moskau gesagt. Damals waren keine Zuschauer eingeladen, und nur die Sponsoren- und VIP-Tickets des Kontinentalverbands UEFA galten als Zugangsberechtigung. Ein paar Bayern-Fans saßen hoch oben in einem Bürohochhaus, und blickten auf die trostlose Arena Khimki hinunter.

Dieses Bild, diesmal ohne Fans im Hochhaus, sondern vor den Toren des Stadions wiederholte sich beim Gastspiel von Manchester City. Die UEFA fühlte sich nicht länger zuständig für die Nebendarsteller der Unterhaltungsbranche. Hatten nicht findige Südkoreaner längst den Fanroboter entwickelt? Es war der vorhersehbare nächste Schritt.

Die gut geölte Marketing- und Propagandamaschine des DFB lief ebenfalls auf Hochtouren. Wenn es nach der WM auch an Ergebnissen auf dem Platz mangelte, so war dieses zweite Halbjahr 2014 doch ein immerwährender Triumphzug. Ehrung reihte sich an Ehrung, Lob an Lob und der Zukunft zugewandt sagte Bundestrainer Joachim Löw perfekte Sätze über die Weiterentwicklung des deutschen Spiels. Oliver Bierhoff bemühte sich derweilen weiter um ein klinisch reines Bild der Nationalmannschaft, hing in  manchen Interviews seinen Erinnerungen nach. Damals, hatte er erzählt, habe der DFB Zeitungen entfernen lassen, doch heute, so Bierhoff, waren sie machtlos gegen die Kommunikationshast, die mit den sogenannten sozialen Netzwerken einher ging.

Nationalspieler, und ihre mächtigen Agenturen, feilten an ihrem Image, und manchmal erwischte sich nicht nur Dembowski bei der Frage, ob hier noch ein Mensch sprach oder ob sein Avatar längst die handelnde Person war. Es ging um Ehre, es ging um Titel, es ging um Karrieren und natürlich jederzeit um Verträge, um den großen Plan. Kaum angekommen, mussten sie weiter. Immer höher, immer schneller, immer besser.

Christoph Kramer, der nach seinem schnellen Aufstieg zur deutschen Ikone zusehends von der Maschine verschluckt wurde, hatte dies in einem seiner letzten klaren Momente „Menschenhandel“ genannt, und Dembowski, zumindest er, es ihm auch abgenommen. Die sich anschließende Empörung hatte ihn umschwenken lassen, und neuerdings rahmte er sich das Interesse der Vereine ein. Natürlich, mit Real Madrid hätte er das höchsten Level erreicht, und es war eine gute Zeit für die Spieler der Mannschaft, wie man die deutsche Nationalmannschaft, nun in der offiziellen Kommunikation nannte.

Nun musste aus dem Namenszusatz Weltmeister Kapital geschlagen werden. Und das tat man. Auf die nächsten 500.000 Follower, die nächsten 1.000.000 Likes. Noch war Cristiano Ronaldo in weiter Ferne, der Endgegner noch nicht besiegt.

Auch die Bundesliga schrieb ihre Geschichten. Sie war nicht zum Mond aufgebrochen, versuchte aber immerhin den Rest der Welt zu erobern. Die Weltmeisterliga! Die fanfreundlichste Liga der Welt. Dortmund-Fans hatten es auf Bratwurst, Bier, Borussia runtergebrochen, und diese Geschichten, die bei den restlichen Vereinen nur andere Namen trugen, wurden jetzt weltweit auf dem Markt angeboten.

Da Russland aufgrund der politischen Entwicklungen zwar noch ein willkommener Geldgeber für so manch einen Verein und Funktionär war, aber sonst kein Zielmarkt mehr sein konnte, hießen die Sehnsuchtsorte der DFL im Jahre 2014 China, Südostasien und natürlich der langsam erwachende Riese USA. Entwicklungshelfer Jürgen Klinsmann hatte im Land selbst ganze Arbeit geleistet, und das 2013er Champion League-Finale den Rest getan. Borussia Dortmund durfte die Herzen, Bayern München den Rest und die Bundesliga endlich den TV-Vertrag gewinnen. Jetzt also FOX. Ab 2015/2016.

Die Geschichten des zweiten Halbjahres 2014, der ersten Saisonhälfte 2014/2015, drehten sich um den genialen Herrn Guardiola, der nichts anders als das in Deutschland so lange vermisste Superhirn war, und dessen verblüffende taktische Kniffe nicht nur die neu entstandenen Taktikblogs zu wahren Jubelarien veranlasste. Sie drehten sich auch um den Anerkennungskampf der vormaligen Plastikklubs, die auf dem Sprung an die nationale Spitze bereits von einer Weiterentwicklung, einer Perfektionierung der neuen Marketingscheinwelt, bedroht wurden. Mit RB Leipzig stand der echte neue Rivale der Bayern längst in den Startlöchern. Auch davon wurde erzählte, manchmal in bitteren Auseinandersetzungen, in denen die alten Erneuerer des Spiels, mit den 11 Freunden als Speerspitze, gegen die neuen Eroberer vergeblich probierten, ihre Stellung zu behaupten.

Der alte Norden der Liga mit den Hauptfiguren Werder Bremen und Hamburger SV stand kurz vor der Auflösung, der Osten war schon lange tot. Doch daran würde die neue Macht des deutschen Fußballs etwas ändern. Schon bald. So wie nach der Wende, denn niemand konnte 25 Jahre nach dem Mauerfall ohne diese Bilder auskommen, der Ostteil Berlins an dem alten Westteil vorbeigezogen war, so würde der neue, durchkapitalisierte Osten den alten, bedrohlichen Osten der Vereine Dynamo Dresden und Energie Cottbus hinter sich lassen.

Im Ruhrgebiet war es kalt geworden, zumindest im unbestritten hässlicheren Teil. Aber auch im schönen Teil des Westens, in der Ruhrkapitale Dortmund, ging die Sonne schon lange nicht mehr auf.

Der FC Schalke 04, einer der Vereine, die es nun nach China zog, da Russland keine Option mehr war, taumelte von Krise zu Krise, zerstritt sich, vertrug sich, vereinte sich im Kampf  gegen geschasste Trainer und sprach manchmal sogar noch von der Meisterschaft.

Die war auch für den ehemals heißesten Verein Europas nicht mehr in greifbarer Nähe. Borussia Dortmund litt, und die Fans litten mit. In guten wie in schlechte Zeiten. Denn das war ihr Klub. Manchmal kam er der Sonne zu nah, verglühte beinahe und regenerierte sich im unteren Mittelfeld der Liga. In den 90ern waren es das Geld und die Gier,  diesmal war es das Streben nach internationaler Anerkennung, das im allgemeinen Sprachgebrauch der „zweite Leuchtturm“ genannt wurde.

Der BVB hatte in den letzten Jahren einige Rückschläge hinnehmen müssen. Spieler waren ausgezogen, um in der Ferne ihr Glück zu suchen, dass sie eigentlich schon längst gefunden hatten. Aber es ging um Karrieren, es ging um Werbeverträge und darum, in diesem Spiel namens Fußball das nächste Level zu erreichen. „Ich habe nur eine Karriere. Ich muss den maximalen Profit aus ihr ziehen“, hatten diese Spieler gedacht und dabei manchmal ihr Glück nicht gefunden.

Mit dem zunehmenden Interesse der Bayern war aber auch diese Glückssträhne der Dortmunder gerissen. Mario Götze hatte bereits in seinem ersten Jahr sein Können angedeutet, und sich mit dem Tor in Rio unsterblich gemacht. Als Bayern-Spieler, als der er nun galt. Mit Lewandowski hatte der beste Stürmer der Dortmunder Vereinsgeschichte ebenfalls im Süden angeheuert, auch er würde sich durchsetzen, und somit blieb die letzte offene Frage, die nach der Entscheidung von Marco Reus. Würde er seinem, von seinen Beratern skizzierten Karriereplan folgen oder entschied er sich für eine paar Flüge in Richtung Sonne, die manchmal perfekt getimt waren, oder, wie es sich in der laufenden Spielzeit andeutete, durch Pech, durch eine vielleicht den Umständen geschuldete, ein wenig hastige Transferpolitik, manchmal wenig perfekt ablief?

„Wir haben die Wende geschafft“, hatte Neven Subotic angedeutet und dabei Christoph Kramer vergessen, dessen Eigentor von unendlicher Schönheit vielleicht wirklich der Dosenöffner war. Doch auch das blieb nur eine weitere Geschichte, eine für Dembowski natürlich sehr persönliche Geschichte.


Wir sehen den Ermittler am Tresen seiner Lieblingskneipe. Hauke Schill, sein Wirt und Freund, schiebt ihm ein Bier rüber. „Alle korrupt“, sagt Schill, dessen HSV irgendwann im Schlund der Vergessenheit landen würde. An diesem Abend, an dem sie das Ende der Welt bejammern, ist Helene Fischer ihr Soundtrack. Und im Fernseher sehen sie erst Bilder einer Hooligan-Demo, dann Wolfgang Niersbach und später schauen sie sich gemeinsam das Putin-Interview in der ARD an. 

Donnerstag, 6. November 2014

fc bayern 2 bvb 1 - wonach dembowski suchte

Zwischen den Niederlagen sehen wir Dembowski im Soldiner Eck. Ein müder, mittelalter Mann in einem alten, von Motten zerfressenen Anzug. Vor ihm steht seine Tulpe. Er zählt sie nicht mehr. Er denkt nicht mehr, an die, die noch kommen werden. Überhaupt denkt er weniger als noch in letzter Zeit.

Im goldenen Spiegel hinter der Theke sieht er sein Gesicht. Eingefallen. Er sieht die Augenringe, und er sieht die Ausweglosigkeit seines Blickes. Manchmal sieht er ein Auto durch seinen Kopf fahren. Er fühlt den Motor, den Aufprall der Maschine und setzt noch einmal an.

Schill sitzt auf den Stufen zu seinem Hochbett. Er trägt seinen HSV-Bademantel und seine Beine hängen locker in der Luft. Sie haben The Natural Bridge aufgelegt, David Berman. Einer denkt an Hamburg und einer an den Oderbruch. Tagträume. Sie hängen fest. Am Ende der Einbahnstraße. Sie wollen drehen, doch haben keine Kraft mehr.

„Wann hat das eigentlich angefangen?“, fragt Dembowski, doch seine Worte verlieren sich auf dem Weg, werden von den blinkenden Automaten geschluckt. Neulich hatte einer eine Serie. Näher waren sie dem Glück seit Monaten nicht gekommen.  

Dembowski kennt nicht den, der er gerade ist, will es auch nicht wissen Er fühlt sich seiner Vergangenheit verpflichtet. Doch schon die war ohne Perspektive.

Die Ersatzspieler Schill und Dembowski warten weiter auf ihre Einwechslung. Der Trainer hat für sie keine Verwendung. Vielleicht tat sich bald eine Chance auf, vielleicht würden sie da sein. „Ich werde stärker zurückkommen“, sagt jetzt Schill, doch Dembowski hört ihn nicht.

Der Ermittler steht vor seinem Spiegelbild. Und schweigt, sieht ein Auto bevor er sich umdreht, und wieder seinen Platz einnimmt. Schill nimmt einen Schluck aus seiner Flasche. Er hat wieder mit dem Trinken angefangen. Dembowski war zu viel. Den Absturz der Hamburger hatte er noch ertragen.

„Berlin ist ein mieser Ort, wenn Du down bist.“  Das ist wieder Dembowski. „Wenn ich mich im Spiegel sehe, frage ich mich, wo ich bin.“ „Komm lass uns Pokal schauen.“  Aber sie wollen nicht. Wie schon am Vortag. Da hatte der BVB gewonnen. Jetzt verlor der HSV. Ein Stück Normalität.

Irgendwann geht der Ermittler heim. Irgendwann schläft Schill ein. Er hat es noch ins Bett geschafft.

Berlin, Du lockst die Menschen mit Deinen Versprechen an. Doch Du brichst sie, und spuckst sie in einer Kneipe am Ende der Welt wieder aus. Allein. So allein. Bis es ihnen auffällt. Und der Schmerz von vorne anfängt.

Dembowski ist sich nicht sicher, ob es an der Stadt liegt, oder doch nur an seinem Verein. Schill hat längst aufgegeben. Trotzdem macht er sich Sorgen als sein Freund der Ermittler am Samstag nicht zum Topspiel an der Theke sitzt. Sogar Justin Hagenberg-Scholz ist gekommen, erkundigt sich unverbindlich nach seinem Bekannten.

Der Ermittler aber liegt in seiner Wohnung nur zwei Türen weiter. An einem dieser Tage werden diese Tage enden, denkt er. Aber nicht heute. Was ist das für ein Leben? Dembowski liegt auf dem Boden, inmitten von Bildern, von Zetteln und Zeitungsausschnitten. An den Wänden des Zimmers hängen Schaubilder, hängen Fetzen der früheren Erfolge.

Sometimes I don’t know where this dirty road is taking me. Townes van Zandt singt. Lots of booze and rambling. Aber er will sich wehren und so geht er noch einmal die Unterlagen durch. Sind es Verschwörungstheorien? Wo ist Dembowski gelandet und worauf wartet er? In München geht Dortmund in Führung, aber der Ermittler bekommt es nicht mit. Wann hat das angefangen und wann hört das auf?

Er schreibt, und schreibt. Kann seine Schrift kaum noch entziffern. Es geht um die Transfers, es geht um die veränderte Mentalität des Vereins. Die Überschrift:

Warum der BVB bald Tabellenletzter ist

Jetzt trifft Lewandowski, und bald Robben. Der freie Fall. Tom Petty. 1989 bei den MTV Awards mit Axl Rose, 19 Jahre später ohne ihn beim Superbowl. Chinese Democracy. Die ewige Kopie. Das Leben. Und immer die Autos, die erst blinken, dann durch den Kopf fahren.

In Horrorfilmen gibt es immer wieder einen Versuch, das Auto noch einmal zu starten. Diese Verschwörungstheorien. Sollte er den Vorschlag wirklich weiter verfolgen. Musste der BVB wirklich absteigen, um den europäischen Fußball zu revolutionieren. Dembowski ist sich nicht mehr sicher. Er ist wieder Marlon Brando am Ende des Flusses. Wir hören The End. Und verlassen den Ermittler für einen kurzen Moment.

Ein kurzer Flug aus der Stadt. Über die Außenbezirke, die Hochhausbezirke. Hinter den Ahrensfelder Bergen steigen wir auf. Es ist ein klarer Tag und hinten im Osten sehen wir ein Feuer. Dahinter die Oder. Es ist Dörte, die dort sitzt. Den Baumschnitt abfackelt. Es lodert, es knistert und wir sind jetzt auf der Lamafarm. Koi dreht seinen Runden. Es ist Sonntag, er taucht ab und wieder auf. Seine Flossen verdecken seine Augen, dann seinen Mund, aus dem keine Blasen mehr aufsteigen wollen. Auch die Schallwellen erfassen ihn nicht mehr. Er sinkt hinab, und verschwindet in einer Böschung. Dort, in seinem Zuhause, lassen wir den einsamen Karpfen allein und fliegen noch ein kleines Stück bis zu Dörte.

Sie will den Ermittler unterstützen. Sie will ihn zurück. Aber sie weiß auch, dass sie einen Fehler gemacht hat. Gerade arbeitet sie hinten auf dem Feld. In der Nähe der Flamen. Sie redet auf ein Lama ein. Beruhigt das Tier, und das Tier beruhigt sie. Flüstert: „Alles wird gut. Die Therapie wird anschlagen“ Bald steht eine Reise nach Dortmund an. Es sind letzte verzweifelte Versuche. Dörte hat das Ausmaß der Krise erfasst.

Schon bald wird es Nacht Im Oderbruch und in den nächsten Tagen passiert wenig. Natürlich: Der Streit um Reus nimmt immer absurdere Ausmaße an, doch Dörte, die wir bei ihrem Tagwerk beobachten, interessiert das nicht und während wir zurück in die Hauptstadt fliegen, vermuten wir bereits: Dembowski hat einen Plan.

Er wird ihn uns nicht verraten. Der Ermittler hat immer Pläne, aber nun läuft er durch seinen Kiez. Ein Gedanke treibt ihn um. Auch Frank Giering konnte die Zeit nicht anhalten, und bei dem Versuch es zu tun, war die Platte nicht gesprungen, sondern hatte sich immer schneller gedreht. Und irgendwann war es vorbei. Wenn alle schönen Momente eben immer nur Momente blieben, wenn das Glück nie greifbar war, es immer wieder verschwand, wonach suchte er dann überhaupt?

Genug der schweren Gedanken.


Jetzt ist es Dienstag. Und Dembowski sitzt wieder bei Schill. Es ist Champions League. Borussia gewinnt. Und einmal lächelt der Ermittler. Da stellt ihm sein Freund noch schnell ein neues Schulle hin. Ist das eine Träne? Wir können es nicht sagen, denn jetzt ist es dunkel und Sophia spielen If Only.   „Wie spät ist es eigentlich“, fragt Dembowksi und wir lassen die beiden Freunde im Soldiner Eck allein, denn es ist wirklich schon spät geworden.