Dienstag, 30. Dezember 2014

2014


Im Oderbruch
nah der Uferböschung
verschläft Koi
den Sonnenuntergang





Sonntag, 28. Dezember 2014

der ermittler des jahres - das ermittler heute! interview

Der Ermittler auf der Lamafarm. (Photo: OMORP)


 „Was ist geblieben von dem was bleibt?“   

Das große Ermittler Heute!-Interview

Von Ayse Güllü

Dörte begrüßt uns am Tor der Lamafarm. „Ermittler Heute? Kommen Sie rein!“  Die Frau des Ermittlers ist eine ausnehmend höfliche Erscheinung. „Dietfried erwartet Sie bereits. Er sitzt bei Koi.“

Sie führt uns an der Farm vorbei. Ein schäbiger Holzbau, der zu Vorwendezeiten einmal in einem hellen Blau geleuchtet haben muss. Auf der Veranda steht ein Holzstuhl. Die Farbe blättert ab. „Hier“, sagt Dörte, „verbringt Dembowski seine wenigen ruhigen Abende.“

Weit im Hintergrund, dort, wo sich die Oder in die Alte Oder krümmt, grasen zirka 20 Lamas. „Wir haben jetzt auch ein paar Rinder. Und überhaupt. Wir leben autark. Wir brauchen die Welt nicht, und sie uns wohl auch nicht mehr.“

Trotz dieser Worte wurde Dietfried Dembowski mit großem Abstand zum Ermittler des Jahres gewählt. Es ist die vielleicht größte Überraschung in der langjährigen Geschichte des prestigeträchtigen „Ermittler Heute!“-Preises.

2014 war ein wilder Ritt für unseren „Ermittler des Jahres“.

Das Jahr hat Spuren hinterlassen. In seinem Gesicht. Dietfried Dembowski, Ende 30, trägt einen gut gepflegten Vollbart, seine Haare reichen bis ins Wasser, in dem sich die Narben des Jahres spiegeln, und aus dem der Hauskarpfen Koi seine Flossen erhebt und mit großen Augen auf die Welt außerhalb des kleine Teich schaut.

„Wie wir mit Menschen“, sagt Dembowski und bittet uns, vom Teich wegzutreten. „Koi verabscheut fremde Personen. Sie bedrohen ihn in seiner Existenz. Sie stören ihn in seiner Vereinsamung. Sie, das hat er mir öfters erzählt, sind der Grund für den Untergang“. Koi taucht ab, und wir blicken noch einmal über die weiten Felder der Lamafarm. In einer Pappel sitzt ein Rabe, und hoch über dem Oderbruch kreist ein Roter Milan. Es ist ruhig.  

Dembowski führt uns über den Hintereingang in die Lamafarm. Die Treppe knarzt. Sie bröckelt, ihr morsches Holz gibt an einigen Stellen bedenklich nach. „Herein in die gute Stube!“ Mit einer ausladenden Geste bedeutet er uns, nun endlich Platz zu nehmen. Wir sind hier, um mit dem Ermittler des Jahres zu reden. Wir folgen seiner Einladung gerne.

Ermittler Heute: Dietfried Dembowski. Herzlichen Glückwunsch. Sie sind Ermittler des Jahres.

Dietfried Dembowski: Danke. Davon hörte ich. Es ist nur verdient. Und die Urkunde gefällt mir wirklich ausgezeichnet. Ich trage sie immer bei mir. 

EH: Sie haben sich gegen große Konkurrenz durchgesetzt. Michael Garcia, Johann Ramoser. Um nur zwei Namen zu nennen.

DD: Garcia, dieses Weichei, dieses Feigenblatt der FIFA. Ein Schwächling, wenn Sie mich schon um eine Einschätzung bitten. Was genau hat er bewirkt? Können Sie mir das einmal sagen? Und Ramoser? Eine Witzfigur, ein Social-Media-Phänomen, der in den entscheidenden Momenten nicht nur versagt, sondern sich komplett zurückgezogen hat. Haben Sie nach der WM noch einmal von diesem schrecklichen Autounfall gehört? Und wie es dazu kam? Die Frage beantworte ich Ihnen gerne. Nein, das haben Sie nicht! Mit Verlaub, diese beiden Personen waren keine Konkurrenz für mich.

EH: Sie hingegen haben Anfang des Jahres großspurig Aufklärung versprochen. Nicht nur in Sachen Fußball, sondern auch in der Angelegenheit der verschwundenen MH370.

DD: Ja. Mit meinen limitieren Ressourcen bin ich der Spur bis Diego Garcia, also bis ans Ende dieser Welt gefolgt. Aber wissen Sie…

EH: Nein.

DD: Ich bin nur ein kleiner Ermittler im Garten des Chaos, und mir wurde sofort bewusst, dass ich mich nicht gegen Staaten durchsetzen kann. Das war der Moment, an dem ich mich endgültig von der Weltpolitik abgewendet habe. Es werden auch in Zukunft Flugzeuge verschwinden, und es werden auch in Zukunft Menschen verschwinden. Es werden Kriege geführt werden, und Friedensverhandlungen ins Leere laufen. Die Natur wird uns überrollen. Wir können das nicht aufhalten.

EH: Große Worte. Andere sagen, Sie hätten schlichtweg Ihre Fähigkeiten überschätzt.

DD: Das ist Quatsch. Es gibt genug andere Felder, die weniger professionell betrieben werden. Wobei ich damit nicht sagen will, dass auf dieser Welt überhaupt etwas professionell betrieben wird. Letztendlich sind wir alle zum Vergnügen hier, und möchten uns nicht von anderen, wohlmöglich echteren Wahrheiten das Vergnügen, und somit unsere limitierte Zeit auf diesem wunderschönen Planeten verderben lassen. Deswegen finden wir unsere eigene Wahrheit. Und weil es nicht anders geht.

EH: Der Wahrheit haben sich demnach nicht verpflichtet, trotzdem sorgen sie mit genau dieser immer wieder für großes Aufsehen. So zum Beispiel 2011. Damals ging ihr Stern mit dem Reus-Scoop endgültig auf.

DD: Genau das ist Punkt. Wir sind in diesem Leben nichts und niemandem verpflichtet. Nur unserer eigenen Wahrheit. Nehmen Sie den norwegischen Experten, den wir nun leider nicht mehr im Fernsehen sehen. Er hat das Geschäft perfektioniert und uns mit „DerSamstag!“ [Anmerkung der Redaktion: Eine zutiefst durchschnittliche Zeitung] aus dem Markt getrieben. Wenn die große Wahrheit über der echten Wahrheit steht, braucht es keine Lügen mehr, um die Realität abzubilden. Streuen Sie dieser Tage doch einmal das Gerücht vom Klopp-Abschied. Man wird es Ihnen glauben, und nicht nur das. Es wird sich innerhalb weniger Minuten verbreiten. Bis der Verein dementieren muss. Stellen Sie sich das einmal vor! Wenn Sie das können. Nichts ist passiert, und das muss dementiert werden. Ich halte das alles nicht mehr aus. Wahrheiten, Lügen, neue Realitäten. Das ist zu viel. Das haben wir mit DerSamstag! nicht gewollt. Wir wurden von den Trittbrettfahrern überholt, und haben die Notbremse gezogen.

Dembowski, das merken wir schnell, holt gerne aus, und verschwendet seine Worte mit leeren Hülsen, die für ihn vielleicht die Welt bedeuten, für den Rest jedoch von einem alkoholgetränkten Gehirn zeugen. Der Ermittler, dessen Stützpunkt im Soldiner Eck im Berliner Gesundbrunnen-Bezirk einer der traurigsten Orte der Welt ist, und der mit seinen Trinkgeschichten unterhalten will, jedoch mit seinen Wiederholungen meist nur nervt, hat ein echtes Problem. Aber das soll nicht Gegenstand dieser Unterhaltung werden. Heute, am ersten Weihnachtstag trinkt er nur Wasser. Das war nicht immer so. Auch nicht hier im Oderbruch.

„Diese Hippies?“ Rund 70 Kilometer nordöstlich von Berlin, unweit der polnischen Grenze liegt die – in Ermittlerkreisen – wohl bekannteste Lamafarm Deutschlands. Doch hier im Oderbruch ist sie nicht unumstritten. Etwa zehn Autominuten entfernt, im nächsten Dorf, in der nächsten Kneipe will man nichts mit den Fremdlingen zu tun haben.

„Die waren einmal hier. Die Alte hat sie nicht alle, und der Typ hat sich unter den Hahn gehangen. Dann haben die eine Gitarre rausgeholt und von Kürbissen gesungen. Wir haben die rausgeschmissen“, erzählt Raiko, der den ersten Weihnachtstag mit seiner Familie im Oderkahn verbringt. Er trägt Trainingsanzug zu einem neuen Thor Steinar-Sweatshirt.

Wir verlassen den Oderkahn und fahren weiter durch diesen einsamen Landstrich am Rande der Republik. Ein Zollwagen überholt uns. „Bitte folgen!“ Das lassen wir uns nicht entgehen. Schnell kommen wir ins Gespräch. „Dembowski? Dem können wir nichts nachweisen! Und die Alte führt nur Lamas spazieren. Diese Hippies!“

Hippies. Das ist die Konstante, die Erklärung für alles Fremde. 25 Jahre nach der Wende bleibt die Welt nordöstlich der Hauptstadt unverändert. Es ist eine stille Welt. Langsam schlängeln sich die Arme der Alten Oder durch die Landschaft. Es gibt keine Menschen. Und die, die es gibt, wünschen sich nichts mehr als ihre Ruhe. Deswegen hat es die Dembowskis vor einigen Jahren in den Oderbruch gezogen. Und deswegen sind sie hier nicht erwünscht. Diese Hippies.

EH: Wir treffen Sie hier auf der Lamafarm. Doch, wenn Sie über Ihre Ermittlungen berichten, so sehen wir Sie meist im Soldiner Kiez.

DD: Schauen Sie sich um. Sehen Sie hier Menschen? Ich möchte Ihnen diese Frage beantworten. Nein, Sie sehen hier keine Menschen!  Ich brauche die. Ich brauche den Dreck. Ich brauche die Perspektivlosigkeit. Und ich brauche den Schmerz. Nicht immer. Aber oft. Ich bin alleine da draußen. Selbst wenn ich mit den Leuten bin.

EH: Kommen wir zum Fußball. Ihr Herzensverein Borussia Dortmund befindet sich in einer existenzbedrohenden Krise. Wie konnte das passieren?

DD: Ob man diese Krise nun existenzbedrohend, oder nur unnötig nennen will, das überlasse ich mal ihnen. Es ist jedoch ganz einfach. Wer die sportlichen Dinge aus dem Auge verliert, wer sich, notgedrungen, weil es alle tun, in wirtschaftliche Abhängigkeiten begibt, und dabei jedoch noch lange nicht die Kraft für den parallelen Aufbau dieser sowohl sportlich als auch wirtschaftlich zwangsläufig auf die Zukunft ausgerichteten Strukturen  hat, der wird blindlings ins Messer laufen. Das Beispiel Shinji Kagawa ist uns allen noch in Erinnerung. Ein durch und durch marketinggesteuerter, auf die Expansion in Asien ausgerichteter Transfer. Es war klar, dass er nicht einschlagen würde. Das muss auch den Verantwortlichen klar gewesen sein.

EH: Aber lässt sich dadurch die Krise erklären? Den Absturz.

DD: Sehen Sie. Punkt 1: Die Bundesliga ist tot. Dabei möchte ich noch ein wenig bleiben. Sehen Sie, während die Bayern den Kampf um die Deutungshoheit über die Weltmeisterliga längst gewonnen haben, hatte sich der BVB direkt dahinter positioniert. Stuttgart fliegt nach Südafrika, die Schalker sitzen in der Zwickmühle. Russland geht nicht. Katar auch nicht wirklich. Und in China ist es Wolfsburg, die mit Volkswagen-Power in das Reich der Mitte drängen. Als Werder Bremen im Sommer dort war, kamen mir die Tränen, aber keine Zuschauer.

Doch die Borussia hat sich anders positioniert. Sie erzählt ihre eigene Geschichte. Vom Fall und Aufstieg, und jetzt eben wieder vom Fall. Der Verein lebt nicht nur von den Erfolgen, sondern gerade auch von dieser Geschichte, in der es immer um Aufstieg, Größenwahn, Absturz, Regeneration, Aufstieg ging. 

Jetzt sind neue Faktoren hinzugekommen. Die Liga ist international. Sie wird als die beste Liga der Welt vermarktet. Ihre Spieler sind hochattraktiv. Weil sie taktisch gut ausgebildet sind, weil sie ein neues Land präsentieren, weil sie auf dem heimischen Markt für Werbekunden attraktiv sind, und weil sie Weltmeister sind. Das zieht. Und das zieht eben auch neue Fans an, die andere Erwartungen haben, und die an die Legende von 50+1 glauben, die aber eben auch, wie wir hier in Deutschland, erst die 11Freundesierung, und dann die Spielverlagerisierung des Sports mitgemacht haben.

EH: Was meinen Sie damit? Sie sind immer so pauschal. Werden Sie doch zumindest einmal konkreter!

DD: Es gibt ein neues, allgemeinverfügbares kulturhistorisches Wissen und es gibt neue Möglichkeiten, das Spiel auch taktisch zu analysieren. Heatmaps, Pass- und Laufstatistiken, Taktikkameras. Das Zahlenspiel. Aber es geht nicht um Zahlen. Es geht nicht um Formationen. Es geht nicht um das Entschlüsseln eines Systems, um immer neuere, bessere, innovativere Systeme. Der Zufall spielt eine Rolle, das Herz spielt eine Rolle, der Kopf. Es gibt Abwärtsspiralen. Und das ist der Punkt 2. Es ist eine Freak-Saison. Und in der kann alles passieren. Gut für den Verein, er kann weiter Geschichten erzählen. Schlecht für die Liga. Wenn dieser Überlebenskampf wirklich „exciting“ sein soll, ist die Bundesliga tot. Um die Meisterschaft geht es schon lange nicht mehr. Und sich an immer neuen Siegen berauschen, an neuen, tollen Variationen der Langeweile erfreuen? Sie glauben doch nicht, dass dieser Blick auf dem Ausland lange auf Deutschland bleiben wird. Es wird neue Europameister, neue Weltmeister geben und Guardiola wird auch weiterziehen, und dann ist die Gefahr groß, dass die Liga bis dahin all ihre Werte vernichtet hat. 50+1? Fannähe? Die Eintrittspreise? Das alles verschwindet doch. Und das ist für mich nur noch zutiefst deprimierend.

EH: Was bedeutet das nun für die Borussia?

DD: Lassen Sie mich Ihre Fragen doch einmal anders formulieren. Was ist geblieben von dem was bleibt? Wissen Sie es? Ich beantworte das gerne. Geblieben ist nur die Erinnerung, und darum geht es in diesem Sport. Mit jedem Spiel wächst die Erinnerung. Mit jedem Spiel schreibt sich die Geschichte weiter fort. Und danach lechzen wir. Das ist unser Antrieb. Wir wollen immer wissen, wie es weitergeht. Und ob das Licht am Ende doch noch die Dunkelheit besiegt. Bis wir schlußendlich in die ewige Dunkelheit tauchen und auch diese Frage beantwortet wird. Wir legen hier nur den Schalter um. Unterhalten. Bieten ein weiteres Modul zum individuellen Zeitvertreib an. Wer es sich schnappt, der hat diese Erinnerung. Wer es sich nicht schnappt, der hat sie eben nicht. Es wird nichts ändern. Es ist bedeutungslos. Doch wir wollen das nicht akzeptieren.

EH: Zurück zu Marco Reus. Der hat Ihnen in diesem Jahr wieder einen neuen Schub gegeben. Er machte Sie zum Ermittler des Jahres.

DD: Steilvorlage eingenetzt, mehr nicht. Kein großer Job. Ich habe Ihnen gerade noch von diesen neuen, irrwitzigen Internationalisierungsplänen erzählt. Und ich habe ihnen von der Geschichtsschreibung der Dortmunder erzählt. Rechnen Sie das einmal zusammen. Als der Verein auf mich zukam, und ich das Ausmaß der Katastrophe begriff, war mir sowieso schon klar, dass ein Transfer in die USA der letzte annehmbare Weg sein wird. Ohne Gesichtsverlust für alle. Für den BVB wird dieser Transfer nur Vorteile bringen. Gerade mit dem neuen TV-Geld. Die Bayern finanzieren ein Büro in New York, Barcelona bald auch, aber die Borussen schicken ihren besten Spieler. Nicht als Aufbauhelfer, sondern als den Mann, der dem Fußball auf dem umsatzstärksten Markt den Durchbruch bringen wird. Es war insofern nur folgerichtig, dass diese Einschätzungen endlich auch einmal anerkannt werden. Insofern. Natürlich bin ich den Lesern dankbar, aber ich bin ebenso verwundert. Ihre Leser haben wirklich Ahnung.

So findet dieses Interview doch noch einen versöhnlichen Abschluss. Seit einiger Zeit sitzt auch Dörte im Raum. Besser. Sie steht. Und wartet auf ihren Einsatz. Dembowski steht auf. Brüllt. „Kronen! Für alle!“ Und Dörte zupft die Gitarre. Sie wird uns den Rest des Abends mit Liedern über Leguane und Kürbisse unterhalten. Lange Zeit ist es ein friedlicher Abend. Doch nach rund 10 Kronen wird es ungemütlich.

DD: Was ich noch sagen wollte. Ich bin Gnihihilist. Wissen Sie überhaupt was das bedeutet?

EH: Nein.

Dörte: Dembowski hat keine Ahnung. Er war, wie ich, ein großer Anhänger des Gnuharharismus. Bis er irgendwann einmal von Schill anrief, und vom Gnihihilismus erzählte. Sie können sich das vorstellen. Ich alleine auf der Farm. Dann das : Ein Schlag.

Es folgen lange, unverständliche Erklärungen, Rechtfertigungen, gegenseitige Anschuldigungen. Wir verlassen die Lamafarm. Es sind nicht gerade friedliebende Hippies. Aber singen, das können sie im Oderbruch.


Freitag, 19. Dezember 2014

der ermittler des jahres schlägt zurück!

Ein Sonnenstudio in Schaan. Hier entschied sich das Schicksal von Marco Reus.
Ende 2014 blieb die Lage der Borussia prekär. Der Absturz in der Liga, der zunehmend amtsmüde Trainer, dessen Gedanken, bevor sie vom Stadion eingefangen wurden, hin und wieder die Insel streiften, und die absolute Hilflosigkeit auf allen Ebenen.

„Allerdings glaube ich, dass das Leben gerecht ist. Und wenn man sich im Erfolg schlecht verhält, glaube ich, dass das irgendwann zurückkommt“, hatte Klopp irgendwann einmal gesagt, und dabei eigentlich die Bayern gemeint. Was also hatte die Borussia getan, um den vollen Zorn zu ernten?

Das blieb in diesen letzten Tagen des Jahres ein ungelöstes Problem, und es war nicht einmal das dringlichste Problem. Aus der Krise würde man sich vielleicht nicht maximal befreien können, aber die Geschichte mit dem Klassenerhalt die würde schon laufen. Dazu hatte die Borussia in beiden Wettbewerben noch berechtigte Titelhoffnungen. Und war nicht, intern zumindest, Anfang der Saison die Woche des Fußballs in Berlin als das große Ziel ausgegeben worden?

Dazu bot die aktuelle sportliche Lage auch neue Möglichkeiten. Es waren überhaupt keine schlechten. Die Geschichte vom Aufstieg nach dem Fall, das Märchen war in Wembley 2013 auserzählt, und es brauchte eine neue Geschichte, um den Mythos Borussia weiter zu verkaufen, zu vermarkten.

Seit der Niederlage in Wembley schwächelten sowohl der Verein als auch die Fans, die sich zudem immer mehr vom Tagesgeschäft abwendeten. Nicht weil sie es wollten, sondern weil sie müde waren. Sie stürzten sich mit Feuereifer an die Infrastrukturprojekte. Diese waren dringend, und duldeten auch keinen Aufschub.

Was vor einigen Jahren in Dortmund noch undenkbar war, passierte jetzt. Die Fans lehnten sich gegen die seltsamen Elemente unter ihnen auf. Sie hatten keine Lust mehr, und auch die Zeichen der Zeit gedeutet. Jeder für sich, aber fast alle richtig. Sie bekämpften die Nazis unter ihnen, indem sie nervten und nicht locker ließen. Sie überzeugten mit Argumenten und mit Taten. Die Borussia war auch längst aus ihrer Schockstarre aufgewacht, und klärte auf, bewegte sich, positionierte sich. War lange genug nicht passierte.  Dazu dokumentierten andere die Gründungsphase des BVB. Crowdfunded, und mit Leidenschaft. Es war bemerkenswert.

Doch natürlich bemerkte dies kaum jemand, denn die sportliche Situation der Borussia, und auch die immer unklarere politische Lage des Landes überlagerte fast alles. Was nur verständlich war.

Und so sah man von außen nur, was all die Maßnahmen und all die Klopp-Jahre bewirkt hatten. Ein paar Mittelfinger in Frankfurt, hängende Köpfe, ein erschöpfter Trainer: mehr hatten die Fernsehkameras von der Krise nicht einfangen können. In Berlin gab es ein wenig Geisterstimmung, ein in die Kabine verschwindenden Kapitän. Und in den Heimspielen Anspannung und in guten Momenten das brutal laute Westfalenstadion. Dieses Endprodukt, und letztendlich der Schulterschluss zwischen den Dortmunder Hauptakteuren – der Tribüne und dem Verein – war das bemerkenswerte Alleinstellungsmerkmal dieses Absturzes.

Und die Märkte kauften es. Vor allen Dingen die Nischenmärkte, in die Borussia vordringen wollte. In den Zeiten der Bayern-Dominanz war der ungewöhnliche, der branchenferne Umgang mit der Krise ein weiteres Zeichen für den großen, den echten Verein. Der Dortmunder Weg wurde weltweit bewundert, und – manchmal zwar verwundert – als ein großes Glück für den immer weniger greifbaren Fußball bezeichnet. In Singapur, in Auckland, in Sydney und in Liverpool interessierte man sich für das Schicksal der Borussia, für den Kampf. (Den mit der Identität sahen sie nicht).

Doch der große Kampf des Jahres 2014 und das größte Problem der Borussia war weiter der Fall Marco Reus. Das hatte sich durch das ganze Jahr gezogen. Und mit der Beantwortung der Frage Bayern und Borussia würde sich auch die Zukunft der Bundesliga entscheiden. Schottische Verhältnisse oder gar keine Verhältnisse mehr. Das war hier die Frage.

Dortmund hatte alles probiert. Sie hatten Puma an Bord geholt, Reus ins Gebet genommen, ihm unendliche Reichtümer und Legendstatus versprochen. Doch bislang hatte er sich nicht entschieden.

Vor einigen Monaten, noch weit bevor wir uns über den Kagawa-Transfer zerstritten hatten, war ich an Bord gegangen. Der Auftrag war klar. „Halten Sie Marco Reus! Mit allen Mitteln! Oder finden Sie eine andere Lösung!“

Gemeinsam hatten wir dann den großen USA-Plan entwickelt. Dort würde er nicht nur nicht stören, sondern vielmehr würde er dort die Borussia präsentieren, und somit innerhalb kürzester Zeit den US-Plänen der Bayern empfindlichsten Schaden zufügen. Reus verkauften wir die Geschichte natürlich anders.

Das Land der unendlichen Möglichkeiten, vom Titellosen zum Titelträger, von einem weiteren guten Fußballer zu einem Pionier, der die Landschaft des Fußballsports für immer veränderte. Das Geld, die Triumphe, die Zukunft. Er hatte es geschluckt. Und sogar Spanisch gelernt.

Aber, und das hatte ich nach meinen Ermittlungen Anfang des Jahres eben in der Hand, was Reus nie gelernt hatte: Autofahren. Das störte ihn nicht weiter. Und es war nicht an mir, darüber zu urteilen. Mir oblag es, denn den Verein hatte ich darüber – Hinterhand! – nie informiert, diese Information vernünftig und im richtigen Moment einzusetzen.

Als die Berater sich weiterhin sträubten, sich auf den USA-Vorschlag einzulassen, blieb mir nichts anderes übrig: Ich gab erst meinen Kontakten in der Stadt das Startsignal, und setzte mich mit Reiser in Verbindung. Piotr hatte mich vor langer Zeit an einem unheilvollen Tag auf der Lamafarm informiert. Er war nie gestorben, und was mir wie ein billiger Taschenspielertrick vorkam, entsprach nach einigen Recherchen der Wahrheit. Reiser lebte! In einem Sonnenstudio in Liechtenstein. In Sichtweite der Lewandowski-Berater, die, zu meinem eigenen Erstaunen, immer noch ein BVB-Trikot in ihren Geschäftsräumen ausstellten. (Aber dazu, denn die Ermittlungen laufen noch! an einem anderen Tag mehr).

Reiser lebte, und er war bereit, das hatten mir meine Informanten gesteckt. So sehr wir uns auch hassten, so sehr verband uns die Liebe zur Borussia.

„Reiser!“

Seine Stimme stockte.

„Wie hast Du mich gefunden? Alter…“

„Hör auf. Es ist so. Und manchmal denke ich an uns in der Kneipe. Du an der Jukebox. Das hatte was.“

„Ja….“

„Hör zu. Die Geschichte mit Reus. Es geht um alles. Vertragsverlängerung, USA oder Bayern. Die Berater…“

„Aber ist nicht Krise?“

Ich erzählte ihm die Geschichte von der Geschichtsschreibung, und er verstand. Dann erzählte ich ihm von meinem Plan. Er war hellauf begeistert.

„Es ist ein dreckiger Job. Und ich muss ihn tun.“

Der Plan war recht einfach. Wir wussten wie Aki funktionierte, wir wussten wie Klopp tickt, und wir wussten, dass es für Reus ohnehin einmal ein Ende finden musste.

Watzke würde sich uneingeschränkt solidarisieren, Klopp in väterlich beschützen und der Rest der Nation reflexartig draufhauen. „Fool for a day, king for lifetime“ war unser Motto. Am Ende der Geschichte würde ein neuer Vertrag stehen, und Reus hätte sogar noch ein wenig Kohle gespart.

„Die Tagessätze. Er wird es lieben. Nur, ich habe das mal überschlagen, 600.000€. Da ist ein Werbespot. Das ist ein Tor im Finale in Berlin. Haha. Genial!“

Und so kam es dann auch. Reus war mal wieder verletzt, die Borussia kriselte vor sich hin, erzählte ihre Geschichte von den unglaublichen Fans und für ein paar Tage war Reus das Gespött des Landes. Aber, und das war auschlaggebend, die Borussia stützte ihn, und niemand sonst. Bald schon würde er einen neuen Vertrag unterschreiben. Und die sportliche Krise? Über die würde man am 6. Juni im Berliner Olympiastadion ohnehin nur noch müde lächeln, wenn man sich überhaupt erinnerte.

„Nicht einmal Top-Thema!“ sagte ich zu Schill, während wir die Nachrichten schauten. Ich war gut unterwegs, und hatte mir zur Feier des Tages direkt neun Kronen reingeschraubt. Ich war ohnehin zu lange nüchtern geblieben.

Schill schaute wie immer traurig. Er trug seinen HSV Joe-Bademantel. Doch der hatte seine besten Zeiten hinter sich.

„Der HSV bräuchte einen Dembowski. Jetzt ist auch noch der Kühne weggerannt“, sagte er mir und ich zeigte ihm nicht ohne Stolz meine Urkunde: „Ermittler des Jahres 2014“. Zu dem hatte man mich ernannt, und ja, ich hatte in der Tat einen verdammt guten Job gemacht.

„Das war mein letzter großer Auftritt in Berlin!“ sagte ich zu Schill und flüsterte „in diesem Jahr“.

Als ich begleitet von Velvet Underground-Klängen aus dem Soldiner Eck trat, sang ich.

“Despite all the computations. You know, you could just dance to the rock'n'roll station. All right. All right, all right, and it was all right. Oh, listen to me now, it was all right”